Warum oder wo sind die Messer?

Tag 99, von Nischneudinsk nach Tulun 121 km, am Vormittag trüb und frisch – 12°, ab Mittag Sonne mit Wattewolken – 20°, nach Ankunft ein heftiger Schauer

Erneut sind wir auf unserem Weg nach Irkutsk und dem Baikalsee durch abwechslungsreiche Taigalandschaft mit weiten Blicken auf die Umgebung und die Transsib geradelt. Aber Bilder sprechen mehr als alle Worte, deshalb der Verweis auf die Bildergalerie.

Einer Frage will ich mich heute widmen:
was bringt normale Menschen, auch solche im fortgeschrittenen Alter dazu, sich auf ein Fahrrad zu setzen um die halbe Welt oder gar weiter zu umrunden?

Um von einem Ort zum anderen zu kommen, dass kann es nicht sein. Hier gibt es heute schnellere und bequemere Mittel. Aus Spaß? Ja, wir haben unseren Spaß und unsere Freude unterwegs, aber nicht immer macht es Spaß. Die Straße steigt kilometerweit bergan, die Sonne sticht oder es geht gerade ein Starkregen auf uns nieder. Von qualmenden, stickenden, einen von der Straße drängenden, manchmal gefährlichen Verkehr ganz zu schweigen.

Eine kleine Umfrage unter den Mitreisenden führte auch zu keiner eindeutigen Antwort, teilweise gab es auch keine. Eines eint uns, so unterschiedlich wir auch sind. Alle sind wir weit gereist und haben schon viele Ecken der Welt gesehen.

Vielleicht haben wir alle, so wie ich, den Wunsch die Veränderung der Landschaft mit sein Gerüchen und seinen Tönen hautnah und langsam genug zu erleben, verbunden mit dem Ziel immer weiter und weiter zu kommen und neues zu erkunden.
Die anderen Lebensumstände der Menschen unterwegs zu sehen und zu erleben, um nach der Rückkehr nach Hause zu wissen, dass man in anderen Region der Welt ebenfalls leben kann und muss, ohne das perfekte Funktionieren wie bei uns zu haben. Um zu lernen oder um sich daran zu erinnern, dass in unserer doch sehr bequemen Lebensumgebung durchaus auch auf etwas verzichten werden kann. So kann ein „Nichtfunktionieren“ bei uns mit Geduld und Gleichmut hingenommen werden, ohne sich darüber aufzuregen.

Sicherlich spielt auch der Anspruch und Ehrgeiz die Rolle, eine solche Stecke über Tausende von Kilometern bewältigt zu haben. Um vor der Weltkarte zu stehen und sich selbst zu sagen: „von hier bis dort hin bin ich mit dem Rad gefahren!“

Nein, es gibt keine einfache Antwort für diese Unternehmung, genauso wie es keine Antwort gibt auf die Frage: „warum gibt es in Sibirien im Kafe immer nur Gabel und Löffel?“ Wegen der Verletzungsgefahr im Umgang mit Messern, als Training für Stäbchen in China oder weil alle geklaut wurden? Auch die Einheimischen wissen es nicht.

Wer noch eigene Gedanken zu diesen Fragen hat, gerne als Kommentar.


Tag der Rekorde

Tag 88, Kemerowo – Mariinsk, 172,5 km


Schon früh verließen wir unser schickes Hotel „Time“ nach einem reichhaltigen Frühstück unweit des Flussufers des Toms, um uns auf einen Tag mit ungewisser Entfernung zu machen. Die Aussagen zur Tagesstrecke schwankten zwischen 140 km und 170 km.

Zuerst galt es jedoch den Tom (ein großer Nebenfluss in Rheinbreite des Obs und bei uns völlig unbekannt) zu überqueren und das Hochufer zu erklimmen, das uns schon die ersten Hinweise auf die Topographie des Tages gab. Unweit von dort wird aus dem bekannten Kusnezker Becken Steinkohle im Tagebau gefördert, entsprechend viel Staub liegt in der Luft und auch bald auf unserer Haut und Kleidung.

Auch dieses Gebiet haben wir bald hinter uns gelassen und wir erreichen erstmals die Taiga. Nadelbäume (Tannen, Fichten, Kiefern) mischen sich mit Birken, das Unterholz ist hoch, mit unterschiedlichen Gräsern, Büschen, Stauden, darunter auch zahlreich mit dem Riesenbärenklau (Herkulesstaude) bewachsen. Wege in das üppige Grün gibt es praktisch nicht, eindringen sollte man sicher nur mit Vollschutz und Machete.

Die Straße windet sich in Kurven nach links und rechts und zu unserer wachsenden Freude auch nach oben und unten. Eine Abwechslung für das Auge und den Radler nach der Ödnis in der Ebene des Tieflandes. Irgendwie erinnert mich die Landschaft streckenweise an den bayerischen Wald, nur wie alles in Sibirien, größer und weiter.

Nach rund 100 km haben wir eine Hochebene erreicht, auf der auch wieder Landwirtschaft betrieben wird. Der Schatten der Bäume wurde ersetzt durch die Sonne, die mit voller Wucht vom wolkenlosen Himmel strahlt, schnell klettert das Thermometer weit über 30° C. Der Asphalt der Straße leidet und klebt beim Überfahren. Überholt ein LKW, hört es sich an als ob die Straße nass ist. Der Wind bringt keine Kühlung, sondern bläst eher von vorne.

Ein spätes Mittagessen gibt es in einer der Fernfahrergaststätten, die hier immer seltener und spartanischer werden. Bald fordern die Strecke und die Wärme ihren Tribut, nach und nach füllt sich Viktors Bus mit Rädern und Radlern und der Wasservorrat schwindet.
Ein besonderer Reiz ergibt sich wenige Kilometer vor dem Ziel in Mariinsk, eine geschlossene Bahnschranke blockiert die Weiterfahrt des Busses für knapp 50 Minuten, so dass die Durchradler (Stefan, Peter, der einen persönlichen Entfernungsrekord zurückgelegt hat – Gratulation! und Gerhard) zeitgleich mit dem Bus im Hotel ankommen. Fußgänger und Radler haben an Bahnübergängen Sonderrechte und können jederzeit die Gleise queren, wenn nicht gerade der Zug vorbei donnert.

Da abends um 20 Uhr die Gärten, die zu jedem Haus in Sibirien gehören, gewässert werden, gibt es kein Wasser bzw. keinen ausreichenden Wasserdruck um den Dreckschweiß des Tages abzuwaschen, so gibt es im Wortsinn: „Schmutzbier“ und die Dusche später.

Am Ende zeigt der nicht geeichte Tacho eine Gesamtstrecke von 172,50 km mit 1317 Höhenmetern, die bisher längste Etappe der Radweltreise bei Tagestemperaturen von jenseits von 30°. Ein Beweis, dass es in Sibirien im Sommer richtig heiß werden kann.

Um so weite Strecken zu radeln, hilft nur irgendwann: „Hirn ausschalten, Augen zu und durch“, die Glücksgefühle werden dann später frei.


Nichts – Stille!

78. Reisetag, von Kalaschinsk via Ivanosk nach Tatarsk, 111 km

Nichts – Stille!
Mit dieser Überschrift ist der Blog für uns Radler schon zu Ende, aber ein Nichts und Stille in Sibirien benötigt dann doch für die Leser Erläuterungen:

Unser Goldstück Viktor hat für uns eine Alternativroute vorbereitet, die uns rund 60 km auf der großen Fernstraße ersparten.

Die Alternativroute war eine kleine Ortsverbindungsstraße – teilweise entlang des Om – nach Ivanosk. Der Asphalt war für russische Verhältnisse in Ordnung, wenn er auch nicht dem Standard der Fernstraße entspricht. Schnell war der Übernachtungsort Kalaschinsk hinter uns gelassen und wir hatten die Straße fast für uns allein. Alle 15 Minuten ein Auto war die Idylle für uns. Zwischen den weit auseinander liegenden Ortschaft war dann nichts. Nur flache Gegend, kein Hinweis auf Menschen. Kein unnatürliches Geräusch: keine Kreissäge, kein Motorengeräusch, kein Flugzeug, kein menschlicher Laut, kein Hintergrundgeräusch, an das wir uns in unserem Land schon längst gewöhnt haben.

Nur ein sanftes Vogelgezwitscher, sonst Nichts – Stille der Natur!

Fünf Minuten am Straßenrand stehen und lauschen – für mich eines der beeindruckendsten Erlebnisse der Reise bisher.

Der Rest des Tages ist schnell geschrieben: Irgendwann war die Fernstraße R 254 erreicht und wir radelten in den Oblast Novosibirsk. Damit sind wir erneut in einer neuen Zeitzone angekommen – so begann der erste Spiel der deutschen Fußballer für uns um 22:00 Uhr. Unsere Übernachtungsziele werden immer trister, aber das ist ein Thema für einen der folgenden Beiträge.


Der Allerwerteste

77. Tag, von Omsk nach Kalachinsk, 90 km

Der Ruhetag mit der kurzen Stadtführung durch Omsk hat uns allen gut getan. Doch heute ging es weiter in den Osten. Die Stadtausfahrt aus Omsk war wenig aufregend, da sich Dank des Samstages der Autoverkehr noch relativ gemäßigt zeigte.

Bald hatten wir das sibirische Tiefland wieder um uns, mit jedem Kilometer Entfernung von Omsk wurde der Verkehr auf unserer kleinen Straße ruhiger, da es heute möglich war, die große überregionale Straße nach Novosibirsk, unserer nächsten großen Stadt, mit dem vielen LKW-Verkehr zu vermeiden.

Von unterwegs gab es wenig zu berichten, da können wir uns einer der nicht gestellten Fragen der Blogleser zuwenden: „Wie kann man soweit Radfahren, ohne dass der Allerwerteste leidet?“

Nein, keiner von uns hat Wasserblasen am Hintern oder eine Hornhaut. Auch die Zeiten, als man ein Stück rohes Fleisch in die Hose stopfte und es weichritt und so die Sitzfläche schonte, sind vorbei. Die moderne Sportkleidung hat auch die gepolsterte Radhose geschaffen, die wir alle, jeder von seinem bevorzugten Hersteller, tragen.

Effektiv sitzt die Mehrheit dann auf einem Ledersattel, der sich für die meisten als beste Lösung für lange Strecken erwiesen hat. Zugegeben, bei dem heutigen Angebot ist es nicht leicht, den individuellen perfekten Sattel zu finden. Ledersättel müssen zudem einige 100 km der eigenen Anatomie angepasst = eingefahren werden bis sie richtig auf für weite Distanzen zu verwenden sind.

Dank des Zweiklangs aus Radhose und passendem Sattel überlebt das Hinterteil auch lange Tagesetappen. Falls es doch nötig ist, kann die Haut durch Vaseline, Hirschtalg oder diverse andere Salben aus der Apotheke zusätzlich geschützt werden.


Auf nach Omsk

70. Reisetag, von Tjumen nach Zawodoukowsk, 101 km

Bei sonnigem Wetter starteten wir um 8:30 Uhr mit dem Ziel die nächste Großstadt Omsk in 6 Radtagen ohne Ruhetag zu erreichen.

Die Stadtausfahrt aus Tjumen gestaltete sich für uns Radfahrer angenehm, da wir uns an den im Stau stehenden Autos vorbeischleichen konnten. Als wir dann die „Straße der Autohäuser“ hinter uns gelassen hatten, lichtete sich die Bebauung. Noch ein paar Ortschaften dicht hintereinander und bald hatten wir die „sibirische Weite“ erreicht, in die wir auf unserer Straße in unterschiedlichen Ausbaustufen vordringen.

Die Weite ist unbeschreiblich, nahe der Straße teilweise noch von Stromleitungen unterbrochen, aber sonst nur grün, soweit das Auge sehen kann. Kein Hinweis auf menschliche Besiedlung, nichts. Nicht so wie bei uns, wo irgendwo immer wieder ein Kirchturm herausschaut. Eine Weite, die wir im dicht besiedelten Mitteleuropa nicht mehr finden können.

Aus den neben der Straße befindlichen Wäldern, Sümpfen, Grünflächen klingt ein vielstimmiger Vogelchor zu uns, sofern er nicht vom Straßenlärm übertönt wird. Über uns kreisen Raubvögel unterschiedlicher Größe – heute meine ich auch einen Adler erkannt zu haben – teilweise angegriffen von kleineren Vögeln, die Sorge um ihre gerade geschlüpften Jungen haben.
Größe Tiere haben wir lebend noch nicht gesehen, da sie genügend Natur haben um sich darin zu verbergen, ganz selten liegt am Straßenrad ein überfahrenes Tier. Hier haben wir bisher – ohne Katzen und Igel in der Nähe von Ortschaften – „gesammelt“: Fuchs, Greifvogel (könnte eine Eule gewesen sein), Feldhase, Biber, Rehkitz, Hunde (in einem Fall wird auch die Meinung vertreten, dass es ein Wolf war).

Unterwegs wird der Reisende vor Zecken gewarnt und ihm eine Impfung per Werbeplakat ans Herz gelegt. Nicht gewarnt wird vor 6-beinigen Fluginsekten mit Saugrüssel. Sofort bei jedem Halt wird man zahlreich umschwärmt. Menschenerfahrung haben sie allerdings nicht, wenn sie auf einem sitzen und noch überlegen wie man am besten zusticht, kann man sie leicht zerdrücken. Die Stiche jucken nicht und vergehen sehr schnell, wenn man doch erwischt wurde.

Die Flora hier hat immer noch ihr Frühlingsgewand an. Es blüht der Löwenzahn, der Flieder in der Stadt wird es bald schaffen, Obstbäume, Traubenkirsche strahlen in weißer Blütenpracht. Ein Frühjahr von Mitte April in Deutschland bis Mitte Juni und darüber hinaus, wer hat das schon und kann es genießen? Der Langstreckenradler in Russland! Auch Maikäfer sind wieder aufgetaucht, ob die hier auch dem Mai zugeordnet wurden?


Von Kontinenten und Bloglesern

Tag 64, von Nischni Sergi nach Jekaterinburg – 102 km

Der Sonntag begann im postsozialistischen Sanatorium – es gab ein üppiges Frühstücksbuffet – überraschend. Weniger überraschend war das Wetter. Die Temperaturen hatten sich zwar verdreifacht, von 2° auf 6°, aber es nieselte bei der Abfahrt doch ordentlich vor sich hin. Also wieder mal Regenkleidung, auch als Wärmeschutz. Der bereits am Ortende nicht mehr ganz so dringend erforderlich war: wir starteten gleich mit einem ordentlichen Anstieg am Ortsende. Effektiv waren es auf 1,5 km bergauf gleich nach dem Frühstück, unbestätigte Gerüchte sprechen von 5 km, die eine Rampe (norddeutsch) hochzutreten waren. Wir Bayern reden da eher von einem ordentlichen Hügel.

Bis Mittag wurde das Wetter besser, es kam auch die Sonne heraus und wir freuten uns auf den Wechsel in einen anderen Kontinent, von Europa nach Asien. Nur kam dieser neue Kontinent einfach nicht. Wir spulten Kilometer um Kilometer ab, erst 17 km vor unserem Ziel Jekaterinburg sahen wir die Stele, die den 60. Längengrad und somit die Grenze zwischen den beiden Kontinenten anzeigt. Auf der anderen Straßenseite stand sie, getrennt von insgesamt 4 Fahrspuren einer autobahnähnlichen Straße und 2 hohen Leitplanken im Mittelstreifen.

2 Radler überquerten die erste Straßenseite, wuchteten die Räder und sich selbst über die Leitplanken, querten die zweite Straßenseite und standen vor der Stele, die enttäuschend klein und zudem wegen Bauarbeiten nicht zugänglich war und scheinbar nur für die Reisenden von Asien nach Europa gilt – die haben einen kleinen Parkplatz mit Kaffeeausschank bekommen. Die 2 anderen Radler befanden, dass sich der Wechsel auf die andere Seite nicht lohnt und knipsten aus der Ferne ihre Fotos. Karin wartete mit Viktor auf dem Parkplatz auf uns.

Auf den Kontinent Asien stießen wir dann beim Abendessen in einem russischen Restaurant an. Traditionell nach Landessitte mit Wodka. Hier probierten wir verschiedene Sorten: Wodka mit Birkensaft, oder einen Wodka, den man 2 x schmeckt: Wodka mit Honig und Meerrettich. Erst kommt der Meerrettich im Kopf an, dann der Alkohol in der Kehle.

Die Leser der Blogs bitten wir um Verständnis, dass es zwar für jeden Tag einen Blog geben wird, aber nicht tagesgenau. Manchmal steht uns kein Internet zur Verfügung, bisher eher selten, an anderen – vor allem langen Radtagen – sind wir einfach zu geschafft oder anderweitig zu beschäftigt (Abendessen = Energiezufuhr), um uns noch am selben Abend hinzusetzen und einen Blog schreiben und mit den Bildern und dem Track hochladen. Es ist immerhin ein Zeitaufwand von 1 – 2 h pro Blog.


Radfahren mit 4 Schichten

59. Tag, von Ischevsk nach Tschaikowsky 88 km

Der Tag in Ischevsk begann mit einem üppigen Radlerfrühstück. Durften wir uns doch schon beim Einchecken am Vorabend 3 Gerichte aus der Karte aussuchen, die dann zum Frühstück frisch bereitet und serviert wurden. Ergänzend dazu gab es noch diverse Sachen von Büffet.

Kein Vergleich zu unserem Sanatoriumsfrühstück vom Vortag, dass aus mehreren kleinen Fleischpflanzerl (Fleischklopse) mit lauwarmen Nudeln bestand, ergänzt um eine kleine Scheibe Käse pro Nase. Wir wollen nicht nur maulen, manche Kurgäste waren noch schlechter dran – Diät!

Diesmal gut genährt starteten wir in einen freundlichen Tag, verließen schnell die Stadt und fanden uns nach kurzer Zeit auf ruhigen Straßen wieder, die sanft die Hügel rauf und runter gingen. Mal war die Straße besser, mal wieder hat sie die üblichen Querrillen und Löcher, aber man ist bemüht, die gröbsten Löcher mit einem Haufen aus Asphalt und Steinen auszugleichen.

Kurz vor der Mittagspause verwandelte sich unsere Straße auf 8 km in eine Piste. Trotz allem hatten wir aber Glück, bei längerem trockenem Wetter hätten uns die Mitbenutzer der Strecke mit Staub überzogen, bei Regenwetter wären wir in Schlammlöchern steckengeblieben. So aber waren wir mit den Rädern teilweise schneller unterwegs als PKW.

Am Ende der Piste fand sich ein netter Platz für unser mittägliches Picknick. Während wir es uns schmecken ließen, zog Regen auf und es wurde sehr frisch. Das Thermometer zeigte bei der Weiterfahrt nur noch 8° C.  Zur Weiterfahrt zogen wir dann alle verfügbaren Schichten übereinander (bei mir 4) und die Regenvollverkleidung an. Trotz allem waren die letzten 25 km bis in unser Etappenziel Tschaikowsky nicht Genussradfahren, da wir uns wenig später auf einer Hauptstraße mit dichtem Verkehr wiederfanden und jeder überholende LKW uns mit einer ordentlichen Menge Dreckwasser duschte.

Kurz von Tschaikowsky überquerten wir auf einem weiteren Staudamm erneut die Kama – der Fluss dem wir schon seit ein paar Tagen aufwärts folgen – wurden von einem Schiffsfriedhof empfangen und wechselten damit innerhalb von 2 Tagen ein weiteres Mal die Zeitzone. Nun sind wir 3 Stunden voraus.


Tagesablauf einer Langstreckenradtour

Kasan nach Laischewo 68 km, Wetter: am Vormittag sonnig, Nachmittag bedeckt, wenige Tropfen von oben

Der Radweg heute war kurz, die Ausfahrt aus Kasan – einer durchaus liebenswerten Stadt – zog sich wie immer in Russland über mehr als 10 km hin, aber bald ging die Schnellstraße in eine gemütliche Landstraße ohne viel LKW-Verkehr über.

So erreichten wir schon vor 13 Uhr unser Tagesziel Laischewo, ein (noch) ruhiger Ort am  Zusammenfluß von Kama und Wolga. Beide sind hier aufgestaut und bilden einen riesengroßen Stausee ohne Namen, man wähnt sich an einem Binnenmeer. Nur mit Mühe ist das gegenüberliegende Ufer zu erkennen. Der Stausee hat dem Ort einen wunderbaren Sandstrand beschert und auch eine Uferpromende mit Kinderspiel- und Fitnessgeräten gibt es. Die Häuser dahinter sind als Ferienhäuser erkennbar. Sicherlich tobt hier in den Sommerferien das Leben, jetzt allerdings ist es noch ruhig.

In dieser Ruhe hielten wir unser mittägliches Picknick ab, Gerhard ging ein paar Minuten schwimmen (Wassertemperatur geschätzt 18°), danach nutzen wir die bereitgestellten Bänke für einen gemeinsamen Mittagschlaf. Nach der Ankunft in unserer einfachen Unterkunft – kein Internet – wurden noch die Fahrräder überprüft, alle in Ordnung.

Tagesablauf auf einer Langstreckentour
Aufstehen, Frühstücken und Abfahrt richtet sich immer nach der Streckenlänge, nach 25 – 30 km wartet dann Viktor mit seinem Transporter an einer günstigen Stelle auf uns, dort gibt es Bananen, Äpfel, Birnen und Getränkenachschub. In ähnlichen Abständen steht dann immer wieder das Fahrzeug am Straßenrand oder einer entscheidenden Abzweigung, da sich das Radlerfeld aufgrund der unterschiedlichen Geschwindigkeiten doch teilweise sehr weit auseinander zieht und keiner verloren gehen soll. Meist gibt es gegen 13 Uhr unseren Mittagspicknick an einer schönen und geeigneten Stelle, wobei es mit der schönen Stelle nicht immer klappt.

Auch am Nachmittag gibt es weiterhin die Nachschubpausen bis am Ende das Tagesziel erreicht ist. So hat jeder in der Gruppe die Möglichkeit nach seiner individuellen Geschwindigkeit zu radlen und auch die Entscheidungsfreiheit, sich entsprechend seiner Tagesform und -laune ins Fahrzeug zu setzen.

Nach Ankunft wird geduscht, anschließend wird schon eine Möglichkeit für das Abendessen gesucht. Auf dem Lande ist es ganz einfach, es gibt meist nur eine Lokal dafür. In den Städten hat man die Qual der Wahl. Danach wird die von jedem mitgeschleppte Elektronik für Mails und Blogs aktiviert, werden gemachte Fotos gesichtet, Berichte an die Heimat oder Reisetagebuch geschrieben.

Für alles weitere bleibt gerade an langen Tagesstrecken keine Zeit und auch nicht unbedingt die nötige Laune um die im Programm aufgeführten Besonderheiten zu entdecken und zu würdigen. Dies findet dann an den Orten mit Ruhetag oder kurzen Radtagen statt.

Wir sind immer noch in Moskauer Zeitzone, d.h. 1 h vor unserer Sommerzeit in Deutschland. Somit geht 1.000 km östlich von Moskau nun die Sonne gegen 3 Uhr morgens auf, dafür schon kurz nach 20 Uhr unter, da ist für die einheimische Bevölkerung nichts drin mit lauen Sommerabenden.

Dafür ist die Flora gut 4 Wochen später als in Südbayern. Hier in Tartastan stehen gerade die Apfelbäume, der Löwenzahn und der Flieder in voller Pracht, die Maiglöckchen brauchen noch ein paar Tage und die Pfingstrosen bilden gerade erst die Knospen aus. Auf den Feldern keimt das Sommergetreide und der Mais wird gesät. In den Privatgärten werden die Kartoffeln gesetzt.


Stadt der teuren Autos, der aufgespritzten Lippen und der Touristen

Bilderbuch vom Bummel durch Moskau am „Weltreise-Freizeit-Tag“ (ohne Fahrrad!), Sonne satt

Als Neuling im Blogschreiben lernt man gleich, dass es einer markigen Überschrift bedarf 🙂

Am zweiten radelfreien Tag in Moskau waren wir nach einem späten und reichlichen Frühstück zu dritt (Karin, Peter und ich) in der Stadt per Pedes unterwegs. Aber erst hieß es, sich um die Eintrittskarten für den Kreml in eine kurze Schlange und dann für die obligatorische Sicherheitskontrolle in eine lange Schlange zu stellen. Nach 45 Minuten hatten wir es geschafft und gingen zwischen Touristen aus aller Welt durch das Tor des Kremls.

Auf dem Platz zwischen den Kathedralen waren Absperrungen aufgebaut und die Sicherheitskräfte in Uniform wurden immer mehr, aber für uns war nicht zu ermitteln was wohl und wann passieren würde. Als wir uns dann entschlossen hatten, doch die Kirchen von innen anzusehen, ging das Spektakel los: Aufmarsch einer Militärkapelle mit schmissiger Marschmusik, ein paar Stücke und dann eine Abordnung Fußsoldaten angeführt von einem Reitertrupp und danach die Fahnenträger im Stechschritt. Gezeigt wurde uns dann, was mit Gewehr samt Bajonett gemacht werden kann. Da geht bei genug Mann sogar die La-Ola-Welle. Es war also so etwas wie ein Militärzirkus zu sehen. Gut gemacht, auch wenn es manchmal kleine Aussetzer bei Mann und Pferd gab (einige haben sogar den Hof „veräppelt“).

Die Kirchen haben wir nur kurz besichtigt, einfach zu voll und auch wegen den Touristenführern zu laut. Nach Besichtigung der größten Glocke der Welt (leider kaputt – nix bimbim) noch ein kurzer Rundgang durch den Kremlgarten und dann raus auf den Roten Platz vor die Basilikuskirche, die DIE Attraktion der Kunstmalerinnen ist.

Auch das Kaufhaus GUM ist nicht mehr mit dem aus der Zeit des Kommunismus zu vergleichen – ein Nobeltempel mit allen teuren Marken der Welt, allein das Eis war günstig.

Zurück auf den Straßen konnten wir eine Markenstudie aller hochpreisigen Automarken der Welt betreiben. Vor einem Luxushotel Maybachs, Porsche, etc. Da denkt man immer, nur in München gibt es dicke Autos, nein! Moskau stellt alles in den Schatten. Im „Schatten“ des tobenden Verkehrs entdeckten wir sogar einen echten Radweg, der sogar von Radlerinnen benutzt wird. Wir schätzen die Teststrecke ist mindestens 1000 Meter lang.

Eine kleine Anmerkung zu den Frauen, denen wir im Straßengewimmel begegneten. Meine Mitreisenden und auch ich haben noch nie so viele mit aufgespritzten Lippen gesehen. Hier scheint enorm viel Botox im Einsatz zu sein. Dagegen wollten Karin und Peter natürlich nicht abfallen und gönnten sich den Besuch einer Parikmacherskaja, also eines Friseursalons. War ein wenig billiger als zu Hause und das Ergebnis bestimmt noch besser. Sie verzichteten also auf weitere Schönheitsoperationen.

Der Rückweg führte uns nochmals über den Arbat, der am späten Nachmittag schon gut besucht war. Er bleibt wohl weiterhin die Ausgehmeile No.1 der lokalen Bevölkerung und vieler Besucher.

Zurück im Hotel wurden kurz die Räder geputzt und von mir ein paar Schrauben nachgezogen, damit es morgen wieder auf den Sattel gehen kann. Wir starten Richtung Ural.

Nun aber, Bilderbuch auf: