Mit der Sonne dem Wind entgegen

115 km in Richtung Huaning

Zwei längere Radetappen liegen noch vor uns bis zum nächsten Ruhetag. Das klingt entspannt. Zudem ist der Himmel blau, die Sonne scheint, die Räder sind auf Vordermann gebracht. Nichts kann schiefgehen, scheint es.

Zum Frühstück erscheinen wir so früh, dass wir noch den Run auf die gekochten Eier mitbekommen und uns entsprechend eindecken können. Frisch gestärkt und hochmotiviert verlassen wir Isabelle und Hans, der sich noch zwei Tage länger in Shilin auskuriert. Es geht gut voran. Bis sich Reinold mit dem ersten Platten dieses Tages meldet. Er ist jetzt Spitzenreiter in der gruppeninternen Pannenstatistik, Hans, sein stärksten Konkurrent auf diesem Gebiet, fällt ja leider zwischenzeitlich als Mitstreiter aus.

Reinold, dessen Rad wir gestern so gut kontrolliert haben! Na gut, jetzt bekommt es eben noch einen neuen Mantel. Damit auch nichts mehr schiefgehen kann. Denkste! Nach 20 Minuten die nächste Pannenmeldung. Natürlich von Reynold. Ein Plattfuß, was sonst.

Jetzt aber wirklich! Und tatsächlich, der Liechtensteiner und sein Rad benehmen sich von diesem Zeitpunkt an ganz unauffällig. Dafür fällt eine halbe Stunde später Peters Gangschaltung ab und Ingmarie fällt auf, dass sie irgendwo ihren Helm vergessen hat. Langsam mache ich mir Sorgen, ob wir heute noch im Hellen ankommen.

Aber tatsächlich verläuft die Fahrt von jetzt ab reibungslos und wir genießen die kleine Straße, die uns durch Felder, Plantagen und duftende Nadelwälder führt. Schmetterlinge kreuzen unseren Weg. Vogelgezwitscher und das unaufhörliche Sägen der Zikaden begleiten uns. Nach einer phänomenalen Abfahrt landen wir direkt in einer Mandarinen-Plantage, was Xiao Luo sogleich nutzt um unsere Obstvorräte wieder aufzufüllen. Kurz darauf heißt es wieder zur großen Freude von Maria „Nuhla, Nuhla“ (Nudelsuppe). Diesmal aber kein Eis (Reis). So der tägliche Mittagsruf unserer Begleiterin Xiao Luo.

Als wir uns vom Mittagsmal erheben, hat sich unsere Gruppe wieder dezimiert. Imma und Peter lassen einen Abschnitt aus und wollen beim Endspurt wieder einsteigen. Hermann flüchtet vor der Sonne und Ingemarie will schnell in die Stadt, um einen neuen Helm zu erwerben. Die nachmittägliche Strecke ist genauso schön, wie der Abschnitt, der hinter uns liegt. Leider wird aber auch der Gegenwind immer stärker und so wird die kleinste Steigung schon zu Herausforderung. Aber auch heute haben wir es geschafft.

Kleiner Nachtrag: Nachdem unser liechtensteinischer Mitradler Reynold mit seinen 71 Jahren in den letzten sechs Tagen durchschnittlich 1500 Höhenmeter und 90 km täglich absolviert hat, ist ihm eine Auszeichnung sicher. Zu Hause angekommen kann er garantiert mit einer liechtensteinischen Verdienstmedaille, überreicht vom Landesfürsten persönlich, rechnen.

Hermann telefoniert die Landschaft

120 km nach Shilin.

An einem Sonntag im Oktober brechen wir auf. Zu elft starten wir die heutige Etappe. Es geht in Richtung Steinwald (Shilin). Hier begann vor etwa 270 Mill. Jahren eine seichtes Meer abzufließen, gab den Kalkstein frei und lieferte ihn der Erosion aus. Die bizarren Felsnadeln, die so entstanden sind, erstreckt sich heute auf einer Fläche von über 26.000 Hektar.

Doch bevor wir den sogenannten Steinwald bewundern können, müssen wir erstmal 120 km Strecke überwinden. Es geht beständig auf und ab an Mais- und Tabakfeldern, Ginsengplantagen und Gemüsebeeten vorbei. Wir fliegen durch Dörfer, die aus der Zeit gefallen zu sein scheinen. Ziegenherden stehen meckernd am Straßenrand. Esel- und Ochsenkarren tockern über den Asphalt. Allein die Handys die uns aus den Autos entgegengehalten werden und die vielen Strommasten erinnern uns daran, das wir uns im 21. Jh befinden.

Nachdem wir den ländliche Alltag zur Genüge begutachten könnten, wird die Landschaft größer, höher und weiter. Sehr zur Freude von Hermann, der mit Begeisterung 15-sekündige Filmchen mit seinem Smartphone von der Umgebung aufnimmt, nachdem seine Kamera kurz nach der Ankunft in China den Geist aufgegeben hat. Deswegen fährst er bei jeder Pause voraus „um die Landschaft zu telefonieren“.

Nach unserem Mittagsmahl (Reisnudeln und geröstete Ente) reißt der Himmel endgültig auf und wir radeln im schönsten Sonnenschein. Nur Herman nicht, der vor der Sonne in das Begleitfahrzeug flieht. Gar nicht so dumm, ich habe mir heute einen leichten Sonnenbrand eingefangen.

Leicht dezimiert fahren wir nun zu zehnt weiter Richtung Steinwald, bewundern die gigantischen Ausblicke, erwischen einen klitzekleinen Regenschauer und erspähen die ersten Kalksteinfelsen. Kurz nach der Ortseinfahrt sammelt sich unsere Truppe wieder und nachdem wir Beat aus den Fängen einer höchstmotivierten Herbergsmutter befreien konnten, er hatte bereits seinen Pass im ersten Hotel, das er erspähte abgegeben, machen wir uns, so frisch es nach 120 km eben geht, an den Endspurt zum Hotel.

Dieses liegt schön ruhig, aber allerdings etwas ab vom Schuss, so daß wir eine kleine Nachtwanderung von 30 Minuten in Richtung Restaurant antreten müssen. Belohnt werden wir mit einem Teller lecker gerösteter Wespen. Die Nahrung der Zukunft, eine Eiweißbombe – da hüpft des Sportlerherz. Auf dem Rückweg leuchten uns Mond und Sterne und das Geschrei der Zikaden begleitet uns bis ins Hotel.


Über uns die Regenwolke

98 km nach Xundian.

Da sitzen wir nun in unserer Herberge. Um uns herum die hoch angepriesene Landschaft, aber wir sehen nichts davon. Zuerst Regen und Nebel, jetzt ist es Nacht. Wir haben uns um den kleinen Kohleofen drapiert und trinken heißen Grog.

Der nächste Morgen ist ebenso kühl und feucht. Wir schlürfen die obligatorische Nudelsuppe. Wieder teilen wir uns: Die eine Hälfte fährt im Auto, die andere sitzt auf dem Rad. Es ist wolkig, Aber im Gegensatz zu gestern lässt sich die Landschaft an einigen Stellen sehen. Der Nebel lichtet sich. Man munkelt auch, die Sonne habe sich zu Weilen schon gezeigt.

Zuerst geht es 20 km bergab, in steilen Serpentinen immer Richtung Tal. Die kleine Straße schlängelt sich durch die rotbraunen und grünen Terrassen, der Himmel hängt tief, aber die ersten Sonnenstrahlen kämpfen sich ihren Weg durch die dichte Wolkendecke. Eine dunkle Regenwolke zieht bedrohlich heran, aber wir sind schneller, saußen bergab. Unten angekommen ist die Sonne da. Wir genießen die wärmenden Strahlen. Dann geht es weiter. Im nächsten Dorf ist Marktag. Von Schweinen, Hasen und Hühnern über Haushaltsgegenständen, Kleidung, Gebäck und Obst gibt es alles, was das Herz begehrt. Und: was wir begehren. Wir decken uns mit leckerem frischen Fladenbrot, Schinken, Granatäpfeln, Drachenfrüchten und Gebäck ein und machen hinter dem Dorf, vor dem ersten richtig anstrengenden Anstieg erstmal Picknick. Dann geht es mit vollem Magen den Berg hoch. Dunkelblaugrau rollt die Regenwolke immer näher heran. Aber wir fahren ihr davon. Wieder gehts bergab. Wir saßen unserer mittäglichen Nudelsuppe entgegen. Zur Auswahl gibt es Reisnudelsuppe oder Weizennudelsuppe.

Als wir das Restaurant verlassen, scheint die Sonne ungewohnt warm und wir fahren fröhlich den Berg hoch. Glücklich über das gute Wetter. Doch wieder verdunkelt sich der Himmel und diesmal schaffen wir es nicht. Sosehr wir auch in die Pedalen treten. Der Regenschauer erwischt uns und beschert uns mal wieder eine nasse Ankunft.


Über den Wolken

45 km nach Hongtudi.

Ich sitze vor dem riesigen Panoramafenster meines Zimmers mit Blick auf die berühmten Terrassenfelder „rote Erde“ und sehe exakt nichts. Dicker Nebel wabert vorüber und hüllt alles in einen milchigen Schleier. Der Strom ist bereits zum zweiten Mal an diesem Tage ausgefallen. Der Generator schafft es nicht die Bedürfnisse so vieler frierender Ausländer zu erfüllen. Ergo – die Heizdecken bleiben kalt. Einzige Wärmequelle ist das in einer riesigen gusseisernen Kanne auf einem irdenen Kohleöfchen bereitete heiße Wasser. Wir umklammern also unseren Tee, blasen Rauchwölkchen darüber. Was für ein Unterschied zu unserem tendenziell überheizten Zimmer in Dongchuan.

Bereits der Blick aus dem Fenster heute Morgen verhieß nichts gutes. Regennasse Straßen. Kaum haben wir uns an trockenes Wetter und ein klein bisschen Wärme gewöhnt, sind die Regenwolken wieder da mit ihrer durchaus demoralisierenden Wirkung auf die Truppe. Zehn von uns entschließen sich mit dem Auto unser heutiges Etappenziel zu erreichen.

Reinold, Helmut und Gerhard lassen sich aber nicht abschrecken und schwingen sich auf die Räder, ist doch für heute eine landschaftlich phänomenale Landschaft angekündigt. Ziemlich holprig geht es für uns los über schlechte, schlammige Straßen durch Chinas Hinterhöfe den Berg hinauf. Nach ein paar Kilometern treffen wir an einem Abzweig auf Xiao Luo und Xiao Luo sowie Christine, Maria und Jan, die sich noch ein wenig den Berg hoch fahren lassen, dann leisten sie uns Gesellschaft.

Zu siebt also ziehen wir uns in weiten Serpentinen den Pass hinauf. Die Straße breit und kaum befahren, der Ausblick traumhaft, wenn man denn etwas sähe. Doch mit jedem Meter, den wir uns nach oben kämpfen, scheint es etwas besser zu werden. Schon brechen wir durch die unterste Wolkenschicht und bemerken plötzlich, dass wir auf eine Berggrad entlang radeln unter und neben uns die Gipfel der benachbarten Berge. Wolkenfäden ziehen vorüber. Alles ist friedlich und still. Auch der Regen hat sich nach und nach aufgelöst. Der Nebel, der uns die schönsten Ausblicke verwehrt, hat etwas durchaus mystisches und wir beginnen die Fahrt zu genießen bis, ja bis etwa 5 km vor dem Ziel eine leichter Niesel verbunden mit einem ekelhaften Gegenwind einsetzt, der unaufhörlich stärker wird und sich zu einem amtlichen Schauer entwickelt. Durchweicht und frierend erreichen wir nach vier Stunden unsere Herberge. Im Eingang brennt ein heimeliges Feuerchen und vor der Tür werden Kartoffeln geröstet. Nun hoffen wir auf Elektrizität….


Wie die Maden im Speck

Gut 80 km nach Qiaojia.

Die harten Etappen die hinter uns liegen fordern ihren Preis. Unsere Gruppe dezimiert sich merklich. Hartmut knabbert arg an den Nachwirkungen seines Sturzes und kaum ist Reynold wieder halbwegs auf den Damm, teilen sich Hans und Beat die Rückbank in Xiao Luos Minibus und fressen sich durch unsere Obstvorräte (wie die Maden in der Minibanane).

Dabei ist die heutige Strecke wirklich etwas für Genießer. Wunderschöne Landschaft, immer an der Uferstraße entlang. Meistens bergab, zwischendurch flach wellig bergauf, alles machbar, alles entspannt. Die offene Landschaft wird hie und da von traditionellen kleinen Ansiedlungen unterbrochen, die in ihrem Stil schon sehr an Yunnan erinnern, in dessen Richtung wir uns unaufhörlich bewegen. Überall werden die kleinen leckeren Bananen angeboten, außerdem Papayas und Mangos. Xiao Luo füllt ihre Vorräte auf. Die Bananenstauden haben die Maiskolbengirlanden abgelöst meint Ingemarie. Und das stimmt. 

Ansonsten scheint diese Gegend hier ganz groß in der Seidenraupenzucht zu sein. Kilometerweit erstrecken sich Maulbeerbaumplantagen. Die halb abgeernteten Pflanzen erinnern irgendwie an Staubwedel. 

Und wieder geht es bergab. Unten landen wir plötzlich auf einer riesigen Prachtstraße, siebenspurig und von futuristischen Lampen flankiert.  Hier können wir wie die glorreichen Sieben einreiten, ist dazu Jans’ Kommentar. Wir fahren trotzdem weiter artig in  Reih und Glied. Und reiten zeitnah in einer Garküche ein um unsere mittägliche Nudelsuppen/Maultaschen/gebratene Nudeln abzufassen.

Das heutige Etablissement ist auf Lammfleisch spezialisiert. Hans und Beat, die im Auto vorgefahren sind, bekommen vom Koch das Handy vor die Nase gehalten: Wirst Du Lamm? steht da. Damit wäre das also auch geklärt. Nach der Mahlzeit wird noch die Eistruhe geplündert, dann begutachtet der Koch noch fachmännisch die Ältesten unserer Truppe und die Fahrräder eh er uns von dannen ziehen läßt.

Und wieder geht es bergab. Am Wegesrand reiht sich Dorf an Dorf. Staunende Gesichter, die ihr Handy zücken um uns zu filmen, lachen und winken. An der einen Stelle wird Mais zum Trocknen umgeschichtet an andere Stelle wir ein Mann fachmännisch entlaust. Das alltägliche Leben eben. Einen kleinen Dämpfer verpasst uns nur die verhältnismässig kurze aber stark befahrene Einfahrt in das Städtchen.


Ein Tropfen Regen

80 km nach Puge mit einem angenehmen Pass.

So. Seit gestern wissen wir wie es ist wenn im Süden Chinas die Sonne scheint. Warm und schön. Jetzt kann es los gehen, denke ich und hole aus den Untiefen meiner Reisetasche die Sonnencreme hervor und verstaue sie in meiner Radtasche. In kurzen Hosen und T-Shirt trotze ich der morgendlichen Kühle und stapfe mit der Truppe in Richtung Frühstücksbude. Die Wirtin erwartet uns bereits, weiß was und wie wir es wollen und so ist hier also in weniger als zwei Tagen eine gewisse Routine eingekehrt. Nachdem Frühstück gehts auch schon auf die gestern frisch präparierten Räder in Richtung Puge, Sichuan.

Platsch macht es und eine Regentropfen landet auf meiner Nase. Das ist der eine Tropfen aus Christines Wetter-App. Dann radeln wir durch den erstaunlich entspannten Morgenverkehr aus Yibin. Zum Einfahren sind die ersten 13 km der heutigen Strecke absolut flach, erst dann beginnt allmählich der Anstieg. In weiten Serpentinen zieht er sich über eine Länge von etwas mehr als 20 km den Berg hinauf. Die Temperaturen sind angenehm kühl. Die Wolken hängen tief. Immer wieder öffnet sich der Nadelwald und gibt den Blick frei über eine wunderbar weite Landschaft. Der See vor Yibin wird kleiner und kleiner und ist irgendwann ganz aus unserem Blickfeld verschwunden. Ganz vereinzelt finden sich Stände am Straßenrand, wo die Bewohner der umliegenden Dörfer Pilze, Obst und frisch zubereitete Speisen zum Verkauf anbieten. Ab und an sitzt ein Mensch in der Landschaft und blickt über die weiten Berge. Wasserbüffel grasen gemächlich zwischen den Bäumen. Wir fahren den Berg hinauf, jeder in seinem Rhythmus und sammeln uns hin und wieder an der Versorgungsstation: Xiao Luo. 

Als wir den Gipfel erreichen hat es sich merklich abgekühlt und auf der rasanten Abfahrt wird es so richtig kalt, so dass es manchmal schwierig wird die Schönheit der Szenerie zu erfassen. Gottseidank erwarte uns auf halber Strecke eine kräftige, heiße Suppe. Und…Ein heißer Grog. Die geniale Idee von Jan. Auf der zweiten Hälfte der Talfahrt geraten wir auch noch in einen kräftigen Regenschauer. Das sind dann also die zwei Tropfen von Puge aus Christines Wetter-App. Wir präparieren uns mit Regenkleidung und Plastiktüten (über Helmen und Schuhen) und fahren schnell weiter. Ein wenig Sonne hätte an dieser Stelle nicht geschadet. So hätte man tatsächlich in Muse und Entspannung auf gemächlicher Fahrt die Schönheit der Landschaft genießen können. 


Durchatmen.

Ruhetag in Xichang

Heute lassen wir es gemütlich angehen. Das haben wir uns nach den letzten Etappen auch verdient. Um neun Uhr stürzen wir uns ins geschäftige Treiben auf der Straße vor unserer Herberge und fallen hungrig in einer der reichlich vertretenen Frühstückslokale ein. Es gibt luftige Mantou, Baozi, Youtiao und Nudelsuppe natürlich. Besonders gut kommen die Fladen mit Taro-Füllung an. Allein die Wirtin und ihr Mann scheinen mit der Vielzahl an Gästen ein wenig überfordert. Wir hoffen sehr, dass sie morgen auf den Ansturm vorbereitet ist. Nachdem Frühstück begleitet Isabelle Hartmut in den Massage-Salon in der Hoffnung, dass seine Schmerzen dadurch ein wenig Linderung erfahren. Wir Übrigen machen uns auf die mingzeitliche (allerdings 2005 restaurierte) Stadtmauer zu erklimmen, um uns die Stadt von oben anzusehen. Auf Höhe des Hotels fängt uns allerdings die Dame des Hauses ab. Wir müssen noch einmal zurück. Die örtliche Polizei ist besorgt um unsere Sicherheit und spielt mit dem Gedanken, uns auf die Mauer zu begleiten. Zu unserem Schutz, versteht sich. Ein kleiner Wortwechsel mit den beiden freundlichen Beamten und unserer Zusicherung, dass es uns gut geht und wir uns bei Problemen umgehend bei der Polizei melden, reichen aus und wir erhalten die Erlaubnis alleine die Mauer zu besichtigen. 

Den eher symbolischen Eintrittspreis von 1 Yuan bezahlen wir gerne und feilschen nicht um Rentner-Ermäßigung  – obwohl das wahrscheinlich eine gute Gelegenheit gewesen wäre, die 5-Jiao-Scheine loszuwerden- und schlendern entspannt über das Bauwerk. Von hier oben hat man einen guten Überblick auf das alte diesseits und das  neue Xichang jenseits der Stadtmauer. Nach diesem offiziellen Teil verfolgt jeder seine eigenen Pläne. 

Unser Hotel liegt an einer der Magistralen, die durch die Altstadt führt. Bereits hier gibt es einiges zu entdecken: Vom Haushaltswarenladen über den Obststand und die Erdnussöl-Presse findet man hier alles was das Herz begehrt. Vor allem Apotheken, Metzgereien und Schnapsläden sind mehrfach vertreten. 

Ein wenig weiter oben haben wir sogar eine Art „Café“ entdeckt. Das heißt: Hier gibt es Cappuccino. Das müssen wir probieren. Leider werden unserer Erwartungen enttäuscht.  Das edle Gebräu wird nicht von einer italienischen Siebträgermaschine  erzeugt, im Gegenteil: Es handelt sich um eine Mischung verschiedener Pulver und Soßen, die mit heißem Wasser aufgegossen wird. Obendrauf landet ein kräftiger Schlag einer säuerlichen, schaumigen Masse, mutmaßlich ein Frischkäse-Sahne-Gemisch. Die süße, „hochkaloröse“ Plörre hinterlässt einen eigenartigen Geschmack und ein dumpfes Gefühl im Magen. Der unvorsichtige Genuss dieses Getränks löst vor allem bei Christine und mir ein Unwohlsein aus, dass sich bis in den Abend zieht.

Beim Abendessen kann Christine aber schon wieder genüßlich zulangen, während der Anblick der reich gedeckten Tisches mir heute ausnahmsweise mal keine besondere Freude bereitet.

In neblige Höhen

Knapp 100 km nach Xichang

Wir haben es also geschafft. Gestern.125 km durch die Berge, durch das raue Land der Yi. Auf einer Höhe von über 2000 m fühlt man sich dem Himmel viel näher. Oder der Hölle, denke ich mir, als ich aus bleiernem Schlaf erwache und mit bewusst mache, dass ich jetzt wieder auf`s Rad steigen, 100 km fahren werde. Und es geht noch höher hinauf, nämlich bis auf 3200 m heute.

Die allermeisten von uns hätten sich aber heute lieber ausgeruht, anstatt irgendwelche Rekorde aufzustellen. Aber der Plan ist ein anderer und so schwingen wir uns im morgendlichen Grau beherzt auf die Räder. Aus der Stadt heraus, durch die Ebene, in der Reisfeld an Reisfeld klebt, an winkenden Kindern vorbei, von den Alten misstrauisch oder eher verwundert beäugt. 15 Langnasen auf einmal sind hier, scheint’s, eher selten. Mit dem ersten Anstieg beginnt sich das Feld auseinander zu ziehen. Hans und Helmut setzten sich irgendwo an der Spitze ab und werden erst wieder kurz vor der Stadteinfahrt gesichtet.

So fährt jeder seinen Trott. Mittlerweile hat sich die Vegetation geändert. Kärger wird die Landschaft je höher wir steigen. Zuckerrohr, Tabak und Bambus werden durch Nadelgehölze abgelöst. Hie und da entdeckt man Pilzesammler oder eine kleine Imkerei. Meine Beine fühlen sich müde an. Xiao Luo ist besorgt und würde wahrscheinlich am liebsten jeden nötigen, in den Bus zu steigen. Verlockend ist das Angebot, aber ich bleibe standhaft. Elstern begleiten unseren Weg und lachen spöttisch. Es wird kühler und der Nebel verdichtet sich. Ein Gefühl als würde man in die Wolken steigen. Als Belohnung für die Quälerei reißt am Gipfel der Himmel auf und die Sonne erstrahlt. Außerdem erwartet uns ein deftiger Imbiss in Form von gegrilltem Schwein und Kartoffeln. Wir genießen den Snack und lassen uns dann auf rasanter Fahrt bergab rollen. Auf halber Strecke sammelt sich dann die ganze Gruppe wieder und wir gehen, gestärkt durch Nudelsuppe und Baozi, den Rest der Strecke gemeinsam an.


Hermann zieht den Helm

Tag 188 der Weltreise, 77 km von Guixi nach Leibo

Wir sitzen in unserem Zimmer und ziehen die Decken bis zur Nasenspitze. Es ist kalt. Fühlt sich nicht wie Südchina an und definitiv nicht subtropisch. Aber so ist es nun mal auf über 1000 m Höhe.

Aber von vorn: Nach einer entspannten Nacht im verschlafenen Guixi starten wir erstmal mit einer leckeren Nudelsuppe aus frisch zubereiteten geschabten Nudeln. Man muss nicht erwähnen, dass wir als Motiv für dutzende Schnappschüsse und Selfies dienten. Dann starten wir unsere Tour diesmal auf der gegenüberliegenden Seite des Yangtze. Das Panorama ist unglaublich, die Berge werden immer höher, das Wasser ist klar und grün, die Straße kaum befahren.

Ganze zwei Tunnel durchqueren wir. Einer davon ein martialisch in den Felsen gehauener Naturtunnel, bewacht von zwei wohlgenährten Schweinen die uns neugierig von oben herab beäugen.

Die Radfahrer-Riege und das Begleitfahrzeug-Team ist in den letzten Tagen gut zusammengewachsen. Alles klappt wie am Schnürchen. Und wir werden gut versorgt von Xiao Luo, die wie immer ein offenes Ohr für jeden Wunsch hat. Manchmal vielleicht zu fürsorglich. Isabelle, die wegen einer Erkältung gestern auf halber Strecke ins Begleitfahrzeug umgestiegen ist, versucht sie die ganze Zeit zu überreden weiter im Auto zu sitzen. Und so hat sie das Vergnügen mit dem verrückten Xiao Lei zu reisen, der ihr aber zusichert, sie brauche keine Angst zu haben, schließlich sei er  sieben Jahre Panzerfahrer in der Armee gewesen. Ob das wirklich beruhigt?

In der Zwischenzeit fahren wir immer den Yangtze entlang, der sich geschmeidig durch die felsige Landschaft schlängelt. Immer wieder stürzen Wasserfälle am Straßenrand in die Tiefe und gewähren hie und da eine erfrischende Dusche. (Xiao Lei benutz sie als Autowaschanlage)

Irgendwann müssen wir dann doch den Yangtze queren. In der Ferne gewahren wir die spritzenden Fluten vor dem angekündigten Staudamm. Wie erwartet dürfen wir die kürzere Strecke über den Staudamm nicht fahren. Also Klettern. 34 km lang. Ein Mann schreit uns hinterher: Das geht nicht, dreht um, das ist viel zu steil! Wir sind in diesem Fall beratungsresistent. Und treten kraftvoll in die Pedalen. Nach und nach entblößen sich die Häupter. Der Berg bringt alle Schädel zum dampfen. Schließlich lüpft auch Hermann seinen Helm. Macht er sonst nie. Er verneigt sich quasi vor dem Berg. Weiter geht’s immer bergauf. Am Straßenrand wachsen Bananen, wird Tabak, Zuckerrohr und Gemüse kultiviert. Und natürlich Chili in allen Formen und Farben.

Das Mittagessen zieht sich. Vor dem Berg wollten wir nichts essen, bergauf sind die Möglichkeiten rar gesät. 13 km vorm Ziel endlich: Nudel und Reis in allen Aggregatzuständen. Xiao Lei brät sich seine Nudeln selbst, amüsiert beobachtet vom eigentlichen Koch. Nach dem Mittagessen gehts entspannt weiter, wurde uns doch von einigen Einheimischen zugesichert, dass es ab nun eben nach Leibo geht. Was für ein Irrtum, aber wir beißen uns durch und bibbern nun in unseren Betten.

Übrigens: das Hotel in Guixi hatte keinen Fahrstuhl, Ergo: einer pünktlichen Abreiste stand also nix im Weg.


Durch sieben Tunnel mußt du fahr’n oder Wo ist Helmut?

Tag 187 der Weltreise, von Suijiang nach Guixi, etwa 72 km

Heute starten wir gemütlich zwischen 9 Uhr und 9:30 Uhr. Jedenfalls war das der Plan. Bis es Beat und mir gemeinschaftlich gelungen ist, den Fahrstuhl des Hotels zu schrotten. Tür verkantet, Beat im Fahrstuhl, Räder und Gepäck weiterhin im 4. Stock. Glücklicherweise gelang es Beat nach unten zu fahren und die gegenüberliegende Tür zu benutzen. Puh. Glück gehabt….Leider zu früh gefreut. Der Fahrstuhl kommt wieder nach oben und jetzt steht Helmut drin. Der war nämlich schnurstracks eingestiegen, so dass Beat ihn nicht mehr warnen konnte. Helmut steckte nun wirklich fest, denn mittlerweile werkelten drei Mechaniker ziemlich laienhaft am Lift herum. Und nichts ging mehr. Große Aufregung. Wir bringen derweil Gepäck und Räder via Treppenhaus nach unten. Geht auch. Mittlerweile hat einer der Mechaniker seinen Kollegen angerufen und es gelingt schließlich Helmut zu befreien und wir fahren mit einer zu verkraftenden Verspätung von etwa 10 Minuten los. Es ist der erste regenfreihe Morgen seitdem ich dabei bin. Zur Feier schmücken wir unsere Räder mit chinesischen Flaggen, die die umsichtige Xiao Luo versorgt hat. Lustig wedeln die Fähnchen im Wind.

Die Wolken hängen noch tief in der Schlucht. Doch nach und nach löst sich der Nebel auf und es erwacht eine leise Hoffnung nach Sonnenschein. Doch auch ohne diese genießen wir die Weite der Landschaft, den moosgrünen Fluß, die üppige Vegetation. Irgendwann führt ums der Track auf eine kleine Nebenstraße und dort auf einen stark verschlammten Feldweg. Alle schieben ohne zu murren ihre Räder durch Dreck und Pfützen. Nur Helmut nicht. Der hat den Duft der Freiheit gespürt und ist ausgebüchst. Aber Xiao Luo kriegt alle. Wenige Minuten später schiebt auch Helmut sein Rad nach oben. Dann gehts auf die Brücke und schwups gleich in den nächsten Tunnel. Und dann in den nächsten und in den nächsten und in den nächsten und und und…Unsere Augen haben kaum die Möglichkeit sich wieder an das Sonnenlicht zu gewöhnen schon sind wir wieder im Tunnel.

Irgendwann sind wir draußen und stehen im Stau. 60 Meter weiter sehen wir die Ursache. Autounfall. Wir fahren vorbei und frohlocken ob der uns erwartenden freien Straße. Huch! Schon wieder im Tunnel!

Irgendwann fahren wir tatsächlich ein etwas längeres Stück tunnelfrei und bemerken, dass tatsächlich die Sonne scheint! Wahnsinn. Gleich sieht alles viel bunter aus. Am Straßenrand reihen sich Obststände mit leckeren Bananen und Zitrusfrüchten. Und wenige Kilometer weiter lockt gebratener Reis. Nur nicht Jan und Helmut. Die sind schon durchgerauscht. Aber wie gesagt: Xiao Luo kriegt sie alle. Nach dem Mittagessen geht die fröhliche Tunnelfahrt weiter. Und jetzt sitzen wir hier im Hotel. Vor der Glasfront erheben sich grüne Sandsteinfelsen und auf dem Platz wird getanzt und geschwatzt.

Kleiner Nachtrag: für die Registrierung bei der Polizei mussten wir den beiden äußerst gründlichen Beamten nicht nur die Pässe aushändigen sondern auch die Telefonnummern aller Beteiligten.