Grenzapokalypse

Tag 220 der Radweltreise, 58 km von Mohan (China) nach Luang Namtha (Laos). Wetter wie gehabt!

Der Tag beginnt wie jeder andere, mit Nudelsuppen/Dampfbrot/Teigtaschenfrühstück und Gruppenbild vor dem Hotel.

Nur heute ist alles anders. Wir verlassen China. Und damit auch unser Begleitteam, Xiao Luo und Xiao Luo, Xiao Luo (女), die gute Seele unserer Tour durch China, und Xiao Luo (男),den umsichtige Fahrer und Dachgepäckturner. Jan findet ein paar warme Worte und drückt das aus, was alle denken: Wir sind eine Familie geworden, mit Xiao Luo als Mutter der Kompanie! Herzlichen Dank, auch an Xiao Ding und Xiao Lei, die uns zwischendrin ebenfalls begleiteten.

Ein Paar Tränen müssen wir wegdrücken, dann wird das Gepäck in das Elektromobil verladen, das für den reibungslosen Gepäcktransport sorgt, und wir radeln den einen Kilometer bis zur Grenze.

Nach einer knappen halben Stunde sind wir aus China ausgereist, dürfen im Niemandsland diesmal sogar radeln und vollführen ein kleines Abschiedstänzchen:

Dann verbringen wir eine knappe Stunde mit Visaformalitäten an der laotischen Grenze. Durch immerhin vier Hände gehen unsere Pässe, an einem Schalter wird beantragt, am anderen bezahlt, zwei Formulare müssen ausgefüllt werden. Und richtig eilig hat es hier keiner, jedenfalls hinter dem Schalter nicht.

Schließlich satteln wir auf und radeln direkt in die Grenzapokalype. Es wird gebaut: Ein Spielkasino, dessen Vorbild wohl im von Größenwahn geplagten Las Vegas steht. Die Eisenbahnstrecke Kunming – Vientiane, samt Bahnhof. Logistikzentren, Wohnhäuser, Hotels. Und das in einer Größenordnung und mit einem Aufwand, wie es nur die Chinesen hinbekommen.

Nach gut fünf Kilometern ebbt dann der Staub ab und auch der Baustellenverkehr bleibt grenznah. Was wir allerdings nicht herausfinden konnten, ist, warum Menschen aus Fiji und Finnland 5 USD mehr für ein Visum bezahlen.

In Nateuil biegen wir Richtung Westen ab, hügeln ein wenig über die für uns neue laotische Landschaft und erreichen schließlich die lange Gerade nach Luang Namtha. Da wurde es dann richtig schön!

Willkommen in Laos!

Fast ein anderes Land

Tag 219 der Radweltreise, 52 km von Mengla nach Mohan. Wetter weiterhin ideal

Noch 52 km bis Laos!

Noch 40 km bis Laos!

Noch 30 km bis Laos!

Nur noch 20 km bis Laos!

Nur noch 10 km bis Laos!

Gleich sind wir da, nur noch 1 km und eine Nacht bis Laos.

Mohan, die Grenzstadt, ist immer noch ziemlich verschlafen. Die chinesisch-laotische Eisenbahn wird hier bald halten, im Projekt „Neue Seidenstraße“, eigentlich ja „一带一路 One Belt, One Road“ spielt dieser Grenzübergang eine große Rolle. Hier werden die Güterzüge nach Südostasien durchrollen, und vielleicht wird es auch mal was mit dem „Highway Kunming-Singapur“, der bereits 2003, bei meinem ersten Besuch auf großen Werbetafeln angepriesen wurde.

Vor 15 Jahren habe ich die Etappe so beschrieben, ein Text, der später Teil meines Buches Ein Bus namens Wanda wurde:

Große Welt – Ende der Welt

Rund 1.000 Bauarbeiter auf 50 Kilometern, die Sand von einer Seite der Straße auf die andere schaufeln und Körbe gefüllt mit kleinen Kieseln oder große Granitboliden von A nach B tragen. 1.000 Bauarbeiter, das sind 500 Mal „Hello!“, 250 Mal Kichern und mindestens 50 Einladungen zum Essen, Trinken oder einen Plausch. Ein paar Mal bin ich abgestiegen, habe ein paar Fragen zu Herkunft, Ziel und dem Warum meiner Reise beantwortet, mindestens ebenso oft erklärt, warum ich Hitler nicht toll finde, keinen Benz fahre und noch keine Kinder habe. Aber das hatten wir ja schon. Zu mehr war keine Zeit. Laos ruft, ich freue mich auf ein anderes Land, andere Gespräche, anderes Essen. „Laos ist rückständig!“, war der Tenor der Bauarbeiter, die meist bis zu den Knöcheln im Dreck standen und deren ärmliche Hütten auch nicht gerade Luxus verströmten. Aber in China definiert man sich nun mal gerne über die Nation, nicht das eigene Schicksal, zumindest wenn letzteres nicht allzu rosig aussieht. „China mit seiner über 5.000 Jahre langen Geschichte!“ ist dann zuweilen auch der stolze Ausspruch von Menschen, die außer Nationalgefühl nicht viel zu bieten haben. Dieses wird von der Regierung auch gerne gehegt und gepflegt. Wer stolz auf sein Land ist, kritisiert eben weniger.

Seit Mengla, meiner letzten Übernachtungsstation, bin ich fast 50 Kilometer von Schlagloch zu Baugrube gehoppelt. Kurz vor Mohan, der Grenzstadt zu Laos, erstreckt sich dann eine vier Kilometer lange rote Schlammwüste, wo einst eine Straße war. „Hier entsteht das große internationale Handelszentrum an der Autobahn Kunming-Bangkok“ steht in Mohan auf einer großen Propagandatafel, die der einzige, dafür aber sehr dick aufgetragene Farbkleckser in einer roten Schlammlandschaft ist. Entlang der Hauptstraße, das ist der Teil des Ortes, an dem der Schlamm planiert ist, nagen sich große Bagger durch Hauswände. Von einem der Gebäude hängt noch ein Schild „Hotel, Zimmer mit Dusche und WC“. Soviel zu meinen Übernachtungsoptionen. Der Lonely Planet meinte noch lapidar „In Mohan sollte es einfache Übernachtungsmöglichkeiten geben“, chinesische Reiseführer und das Internet kennen Mohan erst gar nicht.

Ich stelle mein rotbeschlammtes Fahrrad ab, setze mich in eine simple Garküche, an deren Wänden schon das rote Schriftzeichen „Zhai“ den bevorstehenden Abriss ankündigt, und bestelle mir ein Bier. „Qingdao, Dali, Mekong, Singha oder Beer Lao?“, fragt die Chefin mich. „Qingdao haben wir in der Light, Superlight und in der klassischen Version, Mekong ist nur die Sorte mit 11 Prozent Stammwürze da, Singha und Lao sind importiert und daher ein wenig teurer!“ Konstaniert bestelle ich das Mekong-Bier, dass in der stärkeren Version sonst nur schwer erhältlich ist und zu den besten in Yunnan gehört. Chinesen bevorzugen meist eher dünnes Bier, manchmal mit gerade 6 Prozent Stammwürze und weniger als zwei Prozent Alkohol. Macht nicht dick und geht weniger in die Birne, hat mir ein chinesischer Geschäftsmann mal erklärt und mich dann erst auf ein üppiges Essen und dann ein paar hochprozentige Schnäpse eingeladen. „Wie kommt es, dass Du so eine große Auswahl hast?“, frage ich die Chefin, die sich sofort zu mir an den Tisch setzt. „Eigentlich sind die Lieferungen schon für das Logistikzentrum bestimmt.“, antwortet sie. „Das wird aber nicht vor nächstem Jahr fertig sein. Solange nehme ich alle Waren ab, die sich gut verkaufen. Importiertes Bier ist da nicht die schlechteste Wahl, und auch das Qingdao ist eigentlich für den Export nach Thailand!“ Ich schaue mich ein wenig in der Auslage um. Da steht zehn Jahre alter französischer Rotwein, auf welchen Wegen auch immer über Laos importiert, vietnamesische Bananenchips, thailändische M-150, eine potente Red-Bull-Variante. Die Chefin selbst kommt aus Sichuan, der Provinz im Norden von Yunnan und hat als Spezialität Sichuan Hotpot, richtig zubereitet ein direkter Angriff auf die Schärfetoleranz eines jeden Uninitierten, im Angebot. Der lässt sich als Einzelreisender aber nur sehr schlecht genießen, und so wähle ich in Chili, Schnaps und Essig eingelegtes Gemüse als Vorspeise, fritierte Bohnen mit Knoblauch und Hühnergeschnetzeltes mit Fischgeschmack, das weniger nach Flossenträger schmeckt, als vielmehr eine angenehm scharf-saure Note hat. Yuxiang, mit Fischgeschmack, gibt es in vielen Ausführungen, als Tofu, Aubergine, Schwein oder Kuddeln, und ist die Quintessenz der Küche Sichuans: Frisch, reicher Geschmack, sich ergänzende Gewürzvariationen. Ein perfektes letztes Essen im Reich der Mitte!

Am Nebentisch sitzen einige junge Männer in Uniform und tauchen kleine Gemüse- und Fleischstückchen in einen Fonduetopf mit infernalisch scharf aussehender Brühe.
„Guten Morgen“ begrüßt mich der Truppführer, zumindest halte ich ihn dafür, da seine Epauletten auf jeder Schulter drei umrandete Sterne schmücken, auf Deutsch. Tageszeitlich nicht ganz korrekt, aber doch ganz gut ausgesprochen. „Habe ich von anderen Deutschen gelernt“, erzählt er, als ich sein Deutsch komplimentiere. „Ab und zu kommen hier ja mal welche vorbei.“ Ich bringe ihm auf Nachfrage noch „Frohes Neues Jahr“ bei, ein Ausdruck, an dem er sich sichtlich verschluckt.

„Die Straßen in Laos sind schlecht“, warnt er mich. „Noch schlechter als auf den letzten 50 km?“, frage ich ihn unvorsichtiger Weise. Das verletzt sichtlich seinen Nationalstolz. „Wir bauen hier den Highway Kunming-Singapur!“ „Gaosugonglu“, Highway, sagt er mit betontem Stolz. „Dann haben wir einen Hafen für chinesische Güter in Südostasien!“ Tatsächlich ist es ein großes Problem für Chinas Exportwirtschaft, dass alle chinesischen Güter, die für den europäischen oder arabischen Markt bestimmt sind, ebenso wie die Öltanker aus den Golfstaaten den weiten Weg durch das südchinesische Meer bis bzw. von Singapur machen müssen. Ein chinesischer Hafen am Indischen Ozean würde dieses Problem lösen. Nicht umsonst versucht die chinesische Führung, ihren Einfluß auf Myanmar (Birma) auszuweiten und baut bereits mit Hochdruck an einer Bahnverbindung von Dali zur birmesischen Grenze. Singapur wäre dazu bei entsprechendem Ausbau der Handelswege von China durch Laos, Thailand und Malaysia eine entsprechende Ergänzung

Der gute Truppführer der hiesigen Zollstation hat bei der letzten Politschulung also gut aufgepasst. Ob er weiss, dass der Highway spätestens nach einigen Kilometern in Laos in einer zur Regenzeit unpassierbaren Piste endet?

Die Frage verkneife ich mir und frage ihn lieber nach einer möglichen Unterkunft in Mohans. „Du suchst ein Hotel?“, fragt mich der Truppführer, und ich erwarte bereits eine Einladung in den Schlafsaal der Zollstation. „Fahr zurück an die zentrale Kreuzung (zentraler Schlammhaufen liegt mir auf den Lippen), halte Dich dann links und nach 200 Metern bergauf findest Du ein ausgezeichnetes Hotel! Es hat gerade erst eröffnet!“ Das klingt gut, ich zahle, schwinge mich auf’s Rad und stelle gleich darauf fest, wo die Bulldozer nach getaner Arbeit umdrehen: Auf der Hotelzufahrt. Rotgeriffelter getrockneter Dreck führt mich zu einem modernen, vierstöckigen Gebäude, das von außen schon einmal ganz gut aussieht.

„Shanghai Business Hotel“ steht über dem Eingang in großen Schriftzeichen. Die Preise an der Rezeption verheißen nichts Gutes. 60 RMB kostet das teuerste Zimmer, das klingt verdächtig nach Bruchbude. Die Dame an der Rezeption sieht meinen skeptischen Gesichtsausdruck und ergreift die Initiative: „Weil Du es bist und wir noch nicht so viele Gäste haben, kostet es nur 40 RMB!“ „Mit Bad und WC?“, frage ich. „Mit Bad, WC, Balkon und Klimaanlage!“ erwidert sie. Das überzeugt mich, vor allem, weil es ja sowieso keine Alternative gäbe. In ihrer Zimmerbeschreibung hat die Rezeptionsdame den dunkelbraunen Holzfußboden, das King-Size-Bett und die Spitzengardienen an den Fenstern vergessen. Ich lasse mich nach einer ausgiebigen Dusche zufrieden auf das riesige Bett fallen. Vor dem Fenster zwitschern bunte Vögel. Die Sonne geht in einem grellroten Feuerball über den Wipfeln tropischer Baumriesen unter und taucht den Raum in ein angenehmes Licht. Angenehm entspannt liege ich auf meinem Bett und fühle mich pudelwohl. Mir fallen die Augen zu und ich döse ein.

„Peng!!!“ Ich schrecke hoch. Noch einmal fällt eine Tür ins Schloß. Dann klopft es. Gleichzeitig klingelt das Telefon Sturm? Feuer? Sonst irgendeine Katastrophe? Ich nehme den Hörer ab und höre ein bemüht erotisches Säuseln. „Hallo mein Herr, willst Du ein Fräulein?“ Jetzt wir Einiges klar. Shanghai Business Hotel! Bei uns heißen Bordelle ja auch „Bangkok“, „Pattaya“, „Pascha“, „Ballermann“ oder schmücken sich mit sonstigen, für das potentielle Klientel wohlklingenden Namen. Shanghai verspricht da wohl für dem chinesischen Geschäftsmann aus der Provinz auch Abenteuer und großer Welt. Und das Business im Namen macht nun auch Sinn. Und selbiges läuft ausgezeichnet. Im Minutentakt knallen die Türen, lautes Stöhnen aus den Nebenräumen klingt durch die Musikfetzen, die aus der Karaokebar dringen.
„Mein Liebesvogel ist noch nicht gekommen“ (Aiqing Niao), klappt da durch die Tür, eine schnelle Nummer im Diskobeat, „Die wilde Blume“ (Yehua), eine an sich sehr schöne Balade, von einer schrillen Frauenstimme vergewaltigt, und dann noch „Fröhlich im Schmerz“ (Tongbing Kuaile), entgegen der Titelzeile eigentlich eine recht lahme Nummer, vor allem, wenn sie von einem angetrunkenen Karaokegast zerlallt wird. Wieder klingelt das Telefon. „Xiansheng, nihao! Yao bu yao xiaojie?“ Also das selbe Säuseln. Oder eher das gleiche, da sich nun eine andere Dame bemüht. Eine dritte Kollegin klopft gleichzeitig an meine Tür. Nun bin ich langsam wach und vor allem neugierig. Ich schlürfe zur Tür und öffne sie. Davor steht eine Mischung aus Ingrid Steeger und Hella von Sinnen mit Schlitzaugen, gebleichten Haaren, leicht gewandet in einem Miss-Piggy-Outfit. „Nein, danke!“, sage ich und knalle die Tür zu. Und greife nach dem besten Verhütungsmittel, das ich kenne: Ohropax. Von der Karaoke bleibt nur ein Summen, zusätzlich stöpsle ich das Telefon aus und hänge das „Nicht Stören!“-Schild an die Tür. Gegen Mitternacht wird dann auch das Türschlagen seltener, so dass ich langsam wieder in den Schlaf finde.

„Macht 40 RMB für das Zimmer und dann noch 5 RMB Konsum aus der Minibar!“, deklariert die Rezeptionsdame am nächsten Morgen beim Auschecken, in einer Stimme, die keinen Widerspruch duldet. „Was soll ich denn konsumiert haben, Genitaldesinfektionstuch, Ephidrine oder Kondome?“, frage ich und wundere mich, dass ich mir sowohl den nicht flüssigen Inhalt der Minibar als auch den Namen für Genitaldesinfektionstücher auf Chinesisch gemerkt habe. „Du hast ein Kondom benutzt!“, bekomme ich zur Antwort. „Kannst Du mir auch sagen, mit wem?“, frage ich und halte mich für klever. Prostitution ist in China immer noch illegal, wenn auch äußerst weit verbreitet. Offiziell würde sie nie zugeben, dass sie Concierge in einem Puff ist. „Ist mir doch egal, auf jeden Fall fehlt ein Verhüterli.“, entgegnet sie. Wobei sie natürlich nicht Verhüterli sagt, sondern Xiao Lili, was in etwa so wäre, als würde man Kondome in Deutschland Heidi nennen. Gehört habe ich den Ausdruck noch nicht, ich kenne Biyun Tao, Anquan Tao, Weisheng Tao oder einfach nur Taozi. So siegt der Linguist in mir über den Dogmatiker und ich bezahle das nicht genutzte Kondom. „Dann würde ich aber auch gerne ein Genitaldesinfektionstuch mitnehmen!“, insistiere ich. „Nur für Hotelgäste!“, sagt sie trocken, und ich habe ja schon ausgecheckt.

Auf dem Weg zu Grenzstation muss ich noch einmal durch die Bulldozer-Wendestation. Jetzt stehen da zwei chinesische Arbeiterinnen und wässern den Schlamm. Das macht die Sache nicht einfacher. Die Grenzestation erreiche ich daher mit einer leichten Schlammkruste in Rot, säuberlich über Rad und Kleidung verteilt.

Die Zollbeamten, die ich bereits vom Abendessen gestern kenne, fertigen mich schnell und unkompliziert ab. So unerwartet unkompliziert, dass ich vor lauter Schreck meine Geldtasche und den Pass auf dem Counter liegen lasse. Nach etwa 500 Metern und dem ersten „Sawadii“ einer Laotin, die ihrem kleinen Kind einen Ausländer zeigt und es zum Grüßen animiert, bemerke ich es und dreh hastig um, abwärts durch dicken roten Schlamm, den die (immer noch chinesischen) Arbeiter einmal quer über die Straße verteilt haben. Zurück an der Grenze kommt mir bereits der Zöllner entgegen. „Erst wollte ich Dir jemanden hinterherschicken; dann habe ich mir aber gedacht, Du merkst das schon!“ Und lacht schelmisch. Nachdem ich die Tasche sicher verstaut habe, starte ich den zweiten Versuch, nach Laos zu kommen. Ein zweites „Sawadii“, diesmal von dem Kind, dass ja nun weiß, wie ein Ausländer aussieht: Kreideweiß und mit rotem Schlamm besprenkelt.

Heute keine Bulldozer, keine Bordells mehr und der große Boom ist auch ausgeblieben.

Darauf ein Beer Lao!

Wer Lust auf mehr hat: Das Buch Ein Bus namens Wanda, der meine Erkundungsreise entlang des Mekongs beschreibt, gibt es als Ebook, und zwar hier:

Ein Bus namens Wanda

Weil sie da sind…

Tag 218 der Radweltreise, 96 km von Menglun nach Mengla, letzte chinesische „Königsetappe“. Gut 1.600 Höhenmeter bergaus und fast so viele wieder bergab. Weiterhin ideales Radfahrwetter.

Vom Bergabfahren redet man ja immer nicht. Das nimmt man einfach so hin. Als Belohnung für die vorangegangenen Strapazen am Berg. Als physikalische Notwendigkeit. Wo ein Auf, da auch ein Ab.

Und eben auch umgekehrt.

In den Anfangstagen von China By Bike hatte ich einmal eine Teilnehmerin, die die Berge wie eine Bergziege hinaufflog, um dann bergab zu schieben. Angst vor der Geschwindigkeit! Und bei Abschlussrunde am letzten Abend unser ersten Radreise sagten mehrere Teilnehmer, wenn sie gewusst hätten, wie anstrengend die Tour werden würde, sie hätten sie nicht gemacht. Und wie glücklich sie seien, dass sie es nicht gewusst haben, sonst hätten sie eine tolle Reise versäumt.

Schließlich sind es ja genau die epischen Bergetappen, die ungeplanten Ereignisse, die spontanen Ideen, die in Erinnerung bleiben. Jedenfalls länger, als der Muskelkater anhält.

Der Gruppe ist am Morgen der Respekt vor dieser Etappe anzumerken. Schließlich haben alle mindestens gute 20.000 Höhenmeter in den Beinen, allein in China. „Gut zu fahren, nicht zu steil“, erzähle ich am Morgen und der eine oder die andere schaut mich skeptisch an. Zugegeben, wir haben unseren Teilnehmern in Chinas konditionell einiges abverlangt, vielleicht zu viel? Die Bergetappen zwischen Yibin und Jinghong sind immer noch Gesprächsthema, wenn auch so langsam bei dem einen oder der anderen romantisch verklärt. Und eine gewisse Schadenfreude war der Gruppe anzumerken, als ich mich die ersten Tage mit Jetlag und Müdigkeit über die Berge gequält habe.

Nun sind alle fit und tatenfroh, die Zweifel sind schon auf dem Weg zum ersten Pass verflogen, wir haben Kaiserwetter auf der Königsetappe, kaum Verkehr und es rollt gut. So gut, dass ich heute kaum Bilder gemacht habe. Nach rekordverdächtigen acht Stunden trotz ausgiebiger Mittagspause rollen wir am Hotel vor, gönnen uns ein kühles Schmutzbier und einen Schmutzkaffee und sind uns einig: Eine wunderschöne Etappe.

So nahe liegen Schmerz und Freude zuweilen zusammen!

Heute mag ich Ananas!

Tag 217 der Radweltreise. Bilderbuchwetter und lockere Fahrt bei knapp 350 Höhenmetern von Ganlanba nach Menglun

Karin B., Mitradlerin der ersten Stunde schrieb vor einigen Tagen eine Mail:

„Ja, solche Berichte mag ich lesen, wo einem der Dreck schon beim Öffnen des PCs entgegen rinnt und ordentlich was passiert…… 😊“

Nun, liebe Karin, heute kaum Dreck, das einzige, was Dir fruchtig-spritzig entgegenspringen könnte, wäre eine unglaublich frische und leckere Ananas. Die kleine Passhöhe des heutigen Tages wurde zwar in den fünf Jahren, die ich nicht mehr auf dieser Strecke war, verbreitert, aber den Ananasstand gibt es immer noch. Genauer gesagt, einen Ananasstand, und da köpfen wir dann gleich zwei Früchte.

Danach rollte es mit einigen Zwischensteigungen bis nach Menglun, wir checken kurz nach Mittag ein, duschen Haupthaar und Körper, vertilgen Berge von gebratenen Nudeln und verbringen dann den Nachmittag im Botanischen Garten der Stadt. Bereits 1959 gegründet, ist der Garten ein gutes Beispiel, dass China Naturschutz, entgegen anderer Berichte, doch recht gut kann. Eine grüne Oase mit allem, was die lokale Flora und Fauna hergibt.

Gleich geht’s zum Abendessen und dann früh ins Bett. Morgen ruft die letzte chinesische Königsetappe, 1.800 Höhenmeter auf 90 Kilometer.

Bilderbuchtag nach Bilderbuchtag

Tag 216 der Radweltreise. Herzliches Wetter und eine kurze Etappe von Jinghong nach Ganlanba

Eigentlich ist heute nicht viel passiert. Wir haben gemütlich in der Garküche gegenüber dem Hotel gefrühstückt, sind dann gemütlich losgerollt, erst auf der stark befahrenen Ausfallstraße zum Flughafen, dann auf der eigentlich schön zu fahrenden Nebenstraße, die durch Bananen-, Kautschuk- und Ananasplantagen zum Mekong führt. Diese kreuzt leider zweimal die Baustelle für die Eisenbahn nach Laos. Entsprechend übel hat der LKW-Verkehr, der sich aber glücklicherweise in Grenzen hält, die Straße zugerichtet. Eine Schlaglochstrecke, die wir glücklicherweise bei trockenem Wetter durchfahren. Vielleicht sollten wir für die nächsten Touren, bis die Eisenbahn fertiggestellt ist, wieder auf der Strecke unserer Pioniertage auf der anderen Mekongseite fahren.

Am späten Mittag erreichen wir den Mekong und setzen nach Ganlanba über.

Zum Mittagessen gibt es zum ersten Mal „kalte Nudeln“, eine Art Nudelsalat mit breiten Reisnudeln, lecker scharf-sauer angemacht mit Sojasoße, Essig, Chili, Gurke und Karotten.

Mit angenehmer Schärfe im Mund radeln wir die letzten zwei Kilometer, checken in unserem Dai-Dorf-Haus 2.0 (traditionelle Holzverkleidung auf Betonstruktur) ein und gehen dann Neujahr feiern. Wie die lokale Dai-Ethnie jeden Tag, für eine Scharr jubelnder chinesischer Touristen. Ein paar ältere Damen tanzen mit und lassen sich mit Wasser bespritzen. Ein paar erfrischende Tropfen bekommen auch wie ab und dann steht noch der Manchuman-Tempel auf dem Programm. Wie immer wunderbar pitoresk und fotogen, aber leider kein Ort der Andacht mehr.

Nach dem obligatorischem Nachmittagseis kaufen wir noch ein paar Trockenfrüchte und Palmzucker für die letzte chinesische Königsetappe und widmen uns dann der Körper- und Blogpflege. Während ich den Blog schreibe, machen sich zwei gewürzgespickte Fische auf den Weg zum Grill und das Huhn verlässt den Kühlschrank zum letzten Gang.

Das Leben ist gut!

Bilderbuch am Ruhetag: Jinghong

Tag 215 der Radweltreise. Ruhetag in Jinghong. Auftritt Wintermonsun!

Auf diesen Tag haben wir lange gewartet!

Nicht nur auf den Ruhetag, sondern auch auf den Tag, an dem der Wintermonsun einsetzt. Sprich: Warmes, trockenes Wetter. Heute war dieser Tag, und wir genießen es.

Entsprechend entspannt war der Ruhetag in Jinghong. Ein kleiner Stadtspaziergang, gemeinsame Nudelsuppe und der Nachmittag zur freien Verfügung, der dann auch leidlich genutzt wurde, um Einzukaufen, Haare zu schneiden und leider auch zu packen! Imma und Gerhard sind heute nach Hause geflogen und hinterlassen eine schmerzliche Lücke! Und damit ist nicht nur das technische Knowhow gemeint! Immerhin, Gerhard ist in ein paar Wochen wieder dabei und sein Rad fährt bis dahin Begleitfahrzeug.

Die Bilder vom Tage (Heuschrecken und Ananasreis gab es auch!):


Ausrollen mit Pannen

Tag 214 der Radweltreise. 42 km bei bedecktem Wetter. Weniger als 500 Höhenmeter

Wir lassen uns Zeit am Morgen, geplant, und auch nicht geplant. Geplant war, Hans Bremsbeläge vor Abfahrt zu wechseln. Nicht geplant waren die beiden Platten, die über Nacht aufgetaucht waren. Auch nicht geplant war dann, dass kurz vor Jinghong noch Peter und Beat mit Platten aufwarten und Hans die Hälfte seines Schutzbleches verliert.

Nun, es wäre sonst auch ein ziemlich unspektakulärer Tag geworden. Wetter irgendwie nicht Fisch noch Fleisch. Ein bisschen flach, ein bisschen nach oben und eine recht lange Abfahrt nach Jinghong, die dann, da Baustelle, nicht so nett rollte, wie man das erwartet hätte.

Daher also Ankunft, nettes Mittagessen im Sichuan-Restaurant neben dem Hotel. Reperatureinheit und dann ein wenig Entspannen. Am Abend dann wieder nach Sichuan zum Essen, des Bieres wegen. Bier nach Deutscher Art vom Fass, unfiltriert, da können wir nicht nein sagen!

Aber auch das Essen war fantastische und die Gruppe kommt auf den letzten Metern China auch noch in den Genuss, einmal Frosch zu probieren.

Ein weiteres Etappenziel ist erreicht, Jinghong liegt am Mekong, dessen Grobrichtung wir die nächsten sechs Wochen folgen werden.

Täglich grüßt die Schlammsau

Tag 213 der Radweltreise, 111 km bei 1.800 Höhenmetern, ein Erdrutsch, zwei Waschanlagen und ein Wolkenbruch.

Der Morgen zeigt sich gnädig. Noch liegt Nebel über den Teeterrassen, aber es regnet nicht. Pünktlich um 8 Uhr hat es aufgehört. Gut so! Das Frühstück in unserer Museumsteeplantage hat einen gewissen Unterhaltungswert, da der Chef vom Dienst wie ein Wiener Oberkellner um uns herzumschawenzelt. Wohl’ns noch a Mantao? A Nudelsuppn? Konn I sonst noch etwas führ Sie tun?

Auf jeden Fall gut gesättigt gehen wir auf die vorletzte chinesische Königsetappe. Mit Schmackes geht es erst bergab, dann wieder recht zäh bergauf. Auf der Passhöhe steht das Schild, das auf einen Erdrutsch und die Straßensperrung nach Kilometer 14 hinweist. Da war die Gruppe aber schon auf der Abfahrt und vom Begleitauto hat man das homöopathisch große Schild sicher nicht gesehen.

Nun gut, mit dem Fahrrad kommt man überall durch!

Während ich der Gruppe hinterherjage, öffnet der Himmel alle Schleusen und kann auch nach 20 Minuten nicht dicht halten. Ich verlasse meinen Wellblechunterstand und treffe nach 5 Kilometern einen Teil meiner Gruppe, die sich auf der Terrasse eines Bauernhofes untergestellt hat. Der Bauer wir beim Blick aus dem Fenster seinen Augen nicht getraut haben. Eine Gruppee Gänse freut sich über das Regenende und watschelt laut schnatternd über die Straße. Und auch wir steigen auf. Die Vorhut, Xiao Luo, Jan, Peter und Hartmut hat den Erdrutsch schon erkundet. Jan und Xiao Luo haben schon eine Strategie und die haben wir dann auch angewendet. 80 Meter durch den Wald und 80 Meter durch den Schlamm. Klingt einfacher, als es ist. Aber nach einer Stunde, Rad- und Schuhwäsche inklusive, sind wir auf der anderen Seite und stürzen uns weiter in die lange Abfahrt. Nach dem Mittagessen in Puwen finden wir dann auch eine Autowaschanlage mit Hochdruckreiniger und schon ist der Erdrutsch eine kleine Anekdote am Rande.

Dann geht es noch einmal 500 Höhenmeter stramm bergauf, ein wenig wellig und die letzten 23 Kilometer bergab. Nun ja, fast. Tendenziell bergab. Treue Leser wissen, was gemeint ist.

Konditionsbedingt als letzter rolle ich im Zielort, eine kleine Siedlung mit einigen kleinen Gästehäusern ein, als Einziger tropfnass. Die Gruppe hatte es noch vor dem Wolkenbruch geschafft.

Teeflut

Tag 212 der Radweltreise, knapp über 2000 Höhenmeter auf 83 km, beim Wetter alles dabei.

An Tee kann man sich nie sattsehen, höchstens satt trinken! Aber da hat die Gruppe ja noch andere Trinkmöglichkeiten, im Moment ist da ein chinesischer Klarer sehr angesagt. Zur Muskelanspannung. Nun gut!

Die Muskelentspannung ist auch dringend notwendig, weil die Etappe heute wieder einmal alles bietet, was in den letzten vier Wochen einen Radtag ausmachte: Berge satt, wunderschöne Landschaft, anspruchsvolle Steigungen und Wetter von strahlender Sonne bis Wolkenbruch. Den Hauptpass schenken sich dann auch einige, auch der Chronist, der immer noch mit Jetlag und Müdigkeit kämpft.

Schön war der Tag trotzdem, auch wenn das herrlich kalte Schmutzbier, das gute Yanjing aus Beijing heute besonders gut schmeckt. Wir genießen die Ruhe der Teeplantage, ein Art Museumsdorf ohne Bewohner aber mit viel Tee und allem, was dazugehört.

Das Abendessen gibt es dann nach alter China-By-Bike-Tradition in der Kaschemme am, nein eigentlich mitten im Busbahnhof des Dorfes. Was nicht allzu störend ist, da nur zwei Busse am Tag fahren.

Auf jeden Fall lecker war es.

In der Nacht trommelt dann der Regen an unsere Fenster. Ein Omen für die morgige Etappe?

P.S. Heute mal eine Bildergalerie, die fast alle Varianten eines chinesischen Frühstücks abbildet. Für jeden etwas dabei. Nur nicht so, wie wir es von zu Hause gewohnt sind.

Alles Banana!

Tag 211 der Radweltreise, 63 km von Jiangcheng nach Kangping, ideales Radwetter mit etwas Sonne

Was unsere Weltreisenden bisher geleistet haben, merkt man erst, wenn man von Deutschland nach China zur Gruppe fliegt, die irgendwo in Südyunnan nahe der vietnamesischen Grenze ist, und dafür 48 Stunden braucht. Das sind einige in der Gruppe ganz oder fast ganz mit dem Rad gefahren! Kompliment!

Dass es keine gute Idee ist, nach 48 Stunden auf den Beinen bei gerade einmal 10 Stunden Schlaf in drei Nächten auf’s Rad zu steigen und eine typische Yunnanetappe zu fahren, habe ich heute gemerkt. Die Müdigkeit in dem einen, den Jetlag in dem anderen Bein habe ich mich heute 63 km über 1.050 Höhenmeter geschleppt und als ich ankam, saß die Gruppe schon bei der Nudelsuppe. Immerhin, die Teller waren noch nicht leer!

Davon abgesehen war es eine wunderbare Etappe, kein Regen, etwas Sonnen, Temperaturen in den Mitzwanzigern und wenig Verkehr. Tee und Bananen dominieren die Landschaft. Gegen Mitte der Etappe liegt ein Auto halb im Graben, ein junger Chinese sieht Peter und mir beim Teeterrassenfotografieren zu. Wir kommen ins Gespräch, er zieht seinen fiktiven Hut vor den deutschen Radlern und gibt mit einem verlegenen Grinsen zu, dass er den Wagen gestern Abend im Suff in den Graben gesetzt hat und seitdem auf den Abschleppwagen wartet.

Den vermeide ich knapp, nachdem mich hintereinander Isabelle, Xiao Lei und Xiao Luo in das Begleitfahrzeug überreden wollen.

Beim Abendessen gibt es dann kaltes Bier, gutes Essen und die eine oder andere Manöverkritik, die ja auch angebracht ist, wenn schon der Reiseinitiator mit am Tisch sitzt.

Vor 211 Tagen sind Peter und ich zusammen mit ein paar anderen in Berlin losgefahren. Nun bin ich die nächsten 10 Tage wieder dabei. Dann übernimmt Oliver, der schon in Russland die Gruppe geleitet hat. Maria, Beat, Peter haben noch gute 100 Tage, Hartmut und Hans immerhin noch mehr als 60 Tage vor sich.

Und der Monsun scheint endgültig Geschichte zu sein!

Nur Höhenmeter, die stehen weiterhin auf dem Programm!