Schiffbau in Sibirien, ein Doschtschanik im Wappen und riesige Ölvorräte

Bilderbuch vom 69. Reisetag in Tjumen, sommerlich sonnig und windig. Von Peter Frenzel.

Tjumen (Тюмень; Betonung auf dem e !) ist die Hauptstadt der gleichnamigen russischen Oblast in Westsibirien. Sie hat etwa 700.000 Einwohner, ist also ungefähr so groß wie Frankfurt am Main, liegt aber am Fluss Tura. Bis Moskau sind es von hier ca. 1700 km Luftlinie.
Geradelt sind wir bis hierher rund 2300 km.

In der Oblast leben vor allem Russen (80 %), aber auch eine Vielzahl anderer Ethnien, wie Tataren, Ukrainer, Russlanddeutsche, Tschuwaschen, Weißrussen, Baschkiren, Kirgisen und Inguschen.
Übrigens, eine Oblast (ja, ist wirklich weiblich) bedeutet wörtlich „Gebiet“ und ist die Bezeichnung für einen größeren Verwaltungsbezirk, von denen es viele gibt. Noch öfter wechseln wir die Rajons. Diese sind kleinere Verwaltungsbezirke innerhalb der Oblaste und entsprechen in etwa den deutschen Landkreisen bzw. den österreichischen Bezirken. Machmal radeln wir an einem Tag durch 3-5 Rajons.
Tjumen selbst ist heute in 4 Stadtrajons gegliedert und zählt zu den ältesten russischen Ansiedlungen Sibiriens.

Wikipedia schreibt: „Es wurde bereits 1586 als Fort der Kosaken an der Mündung der Flüsse Tjumenka und Tura zum Schutz gegen die Steppennomaden gegründet. Seit dem 17. Jahrhundert war Tjumen ein wichtiger Transitpunkt auf dem Handelsweg von Sibirien nach China. Tjumen wurde Handelszentrum und bedeutendes Handwerkerzentrum mit Schmieden, Glockengießereien, Lederverarbeitung und Seifenproduktion. Seit 1709 gehörte Tjumen zum Sibirischen Gouvernement. 1782 erhielt Tjumen das Stadtrecht und wurde 1796 Kreisstadt im Gouvernement Tobolsk. Mit dem Bau des ersten Schiffes in Sibirien 1838 begann in Tjumen die Flussschifffahrt, auch wurde eine Bahnlinie nach Jekaterinburg gebaut. Tjumen wurde zum Zentrum für Schiffbau, Holzverarbeitung und Fischfang, auch die Teppichproduktion war stark entwickelt.“

Um erste eigene Entdeckungen zu machen, bummeln wir nach Ausschlafen und spätem Frühstück der Nase nach durch die Stadt und am Flußufer entlang. Am Nachmittag treffen wir uns dann mit Andrej zu einem weiteren Stadtrundgang. Er hat in Tjumen Germanistik studiert und spricht perfekt deutsch. Unterwegs erfahren wir viel interessantes über die Stadt und die Oblast.

Tjumen liegt an der Hauptstrecke der Transsibirischen Eisenbahn, aber wirtschaftlich noch wichtiger ist: 80-85% der russischen Erdölvorräte „lagern“ in der Oblast. Also ist die petrochemische Industrie mit allen großen russischen Firmen (Rosneft, LukOil, BashNeft …) hier repräsentativ vertreten und bestimmt auch das Studienangebot der Bildungseinrichtungen.
Aufgrund des Reichtums an Erdöl und Erdgas zählen Stadt und Gebiet zu den reichsten Russlands, fordern aber auch deutlich höhere Preise für’s Wohnen etc.

In Tjumen gibt es mehrere Universitäten und Hochschulen, natürlich viele Kultureinrichtungen und selbstverständlich einen ständigen Zirkus.

In der Stadt stehen noch viele ältere Häuser, meist aus Holz, neben neu gebauten oder in den letzten Jahren restaurierten und renovierten Wohnblocks.
In einem dieser Holzhäuser ist seit 2008 das „Haus der russisch-deutschen Freundschaft“, in Zusammenarbeit mit Celle, einer Partnerstadt Tjumens, untergebracht.

Andrej nimmt uns mit in das „Stadtuma“-Museum. Hier bestaunen wir unter anderem das Gerippe eines fossilen Mammuts. Das Museumsgebäude selbst ist auch ein außergewöhnliches architektonisches Denkmal. Hier tagte zur Zarenzeit die Duma der Stadt.

1942, also während des 2. Weltkrieges, wurde der Sarg mit Lenins Leichnam aus dem Mausoleum in Moskau nach Tjumen in ein Fakultätsgebäude evakuiert. Die Ehrenwache zog jedoch weiterhin vor dem Moskauer Mausoleum auf, so daß die Auslagerung von den Einwohnern kaum bemerkt wurde.

Georg Wilhelm Steller (1709–1746, er studierte u.a. in Wittenberg, lebte eine Zeit lang auch in Kamtschatka), ein legendärer deutscher Arzt und Naturforscher, starb hier auf seiner Rückreise von Sibirien nach Sankt Petersburg. An ihn erinnert heute eine Gedenktafel.

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