Von der Eisenhütte zur prosperierenden Metropole mit Zarenschicksal

Bilderbuch vom Ruhetag am 65. Reisetag in Ekaterinburg

Jekaterinburg oder auch Ekaterinburg, früher auch Katharinenburg (Екатеринбу́рг, 1924–1991 Swerdlowsk / Свердло́вск) ist die erste große Stadt Russlands, die wir erreicht haben, die in Asien liegt.
Gerhard hatte gestern vom „Grenzübertritt“ Europa – Asien berichtet.

Ekaterinburg hat fast 1.4 Mio. Einwohner. Nur Moskau, Sankt Petersburg und Nowosibirsk sind noch größer.
Der Name der Stadt geht auf Kaiserin Katharina I. (1684–1727, der Ehefrau Peter I.) sowie auf die Heilige Katharina, die Schutzpatronin der Bergarbeiter, zurück. Durch die Stadt fließt die Isset (Исеть). Sie hat uns schon beim reinradeln sehr beeindruckt. Hier könnte man(n) garantiert auch mehrere interessante Tage verbringen.
Wir haben leider nur einen, unseren heutigen Ruhetag, den unsere Radelbeine nach den 525 km in den 4 Tagen mit bis zu 1500 Höhenmetern pro Tag seit Tschaikowsky redlich verdient haben.
Ganz ohne Bewegung können wir aber auch nicht sein und wir machen 4 Stunden einen Stadtrundgang in Begleitung von Aljona.

Ekaterinburg wurde 1723 gegründet. Den Siedlungskern bildeten eine Eisenhütte und im Quadrat darum angeordnete Wohngebäude.
Die reichen Bodenschätze des Ural waren und sind ideal für den Standort.
Zar Peter I. lud damals u.a. Bergbaufachleute aus Sachsen ein und noch heute besteht enger Kontakt zur Stadt Freiberg.

Eine von zwei gesprengten orthdoxen Kirchen wurde nach 1991 wieder aufgebaut. Am Ort der anderen steht heute eine kleine Kapelle.
Wir besuchen die neu renovierte Kirche des Nonnenklosters gleich hinter dem Hotel. Ihr Glockenspiel hatte uns morgens schon geweckt.
Eine Besonderheit: Die Nonnen malen meisterhaft Ikonen, die man(n) sogar kaufen kann.

Aljona erzählt von der Sportbegeisterung der Einwohner, für die ca. 2000 Einrichtungen zur Verfügung stehen.
Alles fiebert natürlich dem Beginn der FIFA-Fußball-WM hier im „östlichsten“ Austragungsort entgegen.
Ekaterinburg ist eine sehr wichtige Universitätsstadt für Russland mit über 80 Bildungseinrichtungen.
Kultur und Kunst haben einen hohen Stellenwert. Es gibt mehrere Theater (Oper, Ballett, Komödien), sogar eine Philharmonie für Kinder und eine für die Erwachsenen, einen ständigen Zirkus, in dem u.a. jährlich internationale Wettbewerbe für Clowns organisiert werden, einen Zoo, eine Kunstgalerie und eine Vielzahl von Museen.

Interessant: Es gibt einige Häuser im Bauhaus-Stil! Nachdem die Nazis in Deutschland das verboten hatten, siedelten viele Künstler der Szene nach dem damaligen Swerdlowsk um und arbeiteten hier weiter. Der Stil wurde später hier als Konstruktivismus bezeichnet.

In den letzten Jahren wurde viel restauriert und neu gebaut, u.a. das neue Boris-Jelzin-Center mit Archiv u.v.a.m., denn er wurde in einem nahegelegen Dorf geboren und arbeitete einige Jahre in der Stadt, bevor er mit der Familie nach Moskau zog.
Wichtiger „Unterstützer“ vieler Bauvorhaben ist auch hier „Gazprom“, sogar bei neuen Null-Energie-Häusern!

Aljona zeigt uns das erste (11-geschossige) Wohnhaus mit einem eingebauten Fahrstuhl. Davor hatten Wohnungsbauprogramme mit „Chruschtschowkas“ (5 Stockwerke) und „Breshnewkas“ (9 Stockwerke) mit kostenlosen Wohnungen für Unterkünfte gesorgt.
Einige der traditionellen alten Holzhäuser gibt es auch noch und sie sollen nach und nach saniert werden.

Im Luxushotel Hyatt (dem teuersten außerhalb Moskaus) wurde 2009 die Vereinigung der BRICS-Staaten geründet.

Bei unserem Rundgang bummeln wir auch am Ufer der Isset entlang und sehen viel Grün in den Parks und Anlagen.
Der Flieder müht sich hier immer noch mit den ersten Knospen ab. So einen kalten Junianfang mit 2-5°C tagsüber wie dieses Jahr gibt es hier auch nicht oft.

1991 wurde hier die kürzeste Metro Russlands mit einer Linie von 12,7 km Länge und mit (seit 2012) neun Stationen in Betrieb genommen.

Zum Abschluß zeigt uns Aljona die Blutskirche, eine neu gebaute orthodoxe Kathedrale. Sie wurde 2002/2003 am Platz der Ermordung der Zarenfamilie errichtet. Hier wurde 1918 von den damaligen Bolschewiki im Umkreis von Jakow Michailowitsch Swerdlow (Яков Михайлович Свердлов, 1885-1919, damals ein führender Politiker der Partei der Bolschewiki sowie etwas mehr als ein Jahr lang Staatsoberhaupt Sowjetrusslands) im Verlauf des Russischen Bürgerkrieges die Zarenfamilie ermordet und in einem alten Bergwerksschacht verscharrt.
Insgesamt wurden 18 Angehörige der Dynastie und viele weitere Personen aus ihrem Umfeld von den Bolschewiki umgebracht.
1998 wurden die sterblichen Überreste der Zarenfamilie in St. Petersburg in der Peter-und-Paul-Kathedrale beigesetzt. Die Familie wurde von der orthodoxen Kirche in Russland 2000 als Märtyrer heiliggesprochen. Im Waldgebiet beim Bergwerksschacht ist ein Kloster in Holzblockbauweise errichtet worden.

Karin und Gerhard „besteigen“ noch den höchsten Büroturm der Stadt, so daß wir auch den Blick von hoch Oben auf die Stadt im Foto zeigen können.

Zurück im Hotel waren wir dann immerhin auch 8 km unterwegs.

Bilderbuch auf:

Ein Kommentar:

  1. Astrid Frenzel

    Vieln Dank euch allen für die nachgeholten Blogs. Ich habe mit so vielen gesprochen, die schon öfter nachgesehen hatten, ob denn endlich was im Netz ist! Aber es ist klar, nach solchen anstrengenden Radeletappen sind die Abende kurz. Es ist spannend, von dem Juri Gagarin-Double zu lesen und auch festzustellen, dass Kultur und Kunst so einen bedeutenden Stellenwert in einer Stadt haben kann. Das wünscht man sich auch hier zu Hause.

    Liebe Grüße euch allen!
    Astrid

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