Radeln in den sibirischen Sommer mit Reiselektüre auf dem Росавтодор

82. Reisetag, 90 km von Ubinskoje nach Tschulym, sonniges Sommerwetter, helfender Seiten- bis Rückenwind

Sonnenwende / Sommeranfang, auch in Sibirien. Endlich.
Gerhard entdeckt unterwegs einen munter krabbelnden Maikäfer am Straßenrand. Mitten im Juni!

Wir radeln weiter über die „P254“ Richtung Novosibirsk. „Kilometerfressen“. Heute bis zum Motel („Bei Tatjana“) unmittelbar neben der Autobahn nahe Tschulym. Kurz vorher gratulieren wir Igor zum 500. Kilometer seit Omsk. Ist schließlich seine erste so lange Radtour.

Was macht mensch eigentlich so Tag für Tag während der im wesentlichen geradeaus rollenden Radelstrampelei?
In der Gegend um(her)schauen, Felder, Wälder, Wiesen, Seen und Tümpel vorbei“fliegen“ lassen, gigantische wandernde Wolkenformationen bestaunen, dem Kuckuck und anderen Vögeln lauschen (während kurzer autofreier Phasen), den vorbeirumpelnden langen Güterzügen der nahen „Transib“ zuhören, sich über Entgegenraser ärgern …, aber das hatten wir ja schon.
Was noch? Na – lesen! Nun könnte man(n) ja theoretisch auf die Klett-Teile auf dem Deckel der wasserdichten (Achtung! Sponsorenwerbung!) MSX-Lenkertasche ein Buch „kletten“ oder in einen dafür passenden Klarsichteinschub schieben, aber erstens ist grad kein Buch mit Klettstreifen zur Hand, der eBook-Reader liegt im Koffer und ein Klarsichteinschub wurde nicht gesponsort. 🙁
Ich kauf mir einen, wenn ich im März 2019 wieder zu Hause bin. 😉

Alternative: „Lesestoff“ an der Straße mit Rückblick auf frühere Tage und aktuellem von heute.

In manchen Orten stehen alte Postsäulen mit Entfernungsangaben, z.B. wie weit es von hier eine Postkarte mit der Postkutsche bis Moskau oder St. Petersburg hätte. Die Maßeinheit der Zahl ist entweder Werst (ca. 1,09 km) oder Kilometer (= 1000 m), mal so mal so.
Die Fotos dazu in der Galerie wurden am 6. Juni in Kamyschlow aufgenommen.

Eine nette Geste sind die öfter aufgestellten Stelen mit den zwei Worten „Stschaslivovo Puti!“ = Gute Reise oder Glücklichen Weg, was uns auch schon ganz viele Menschen hier zum Abschied wünschten. Bolschoi Spassibo – Vielen Dank!
Andere Säulen heißen uns herzlich willkommen („Dobro Poschalowatch!“). Hallo und danke, aber wir müssen noch weiter!

Am Waldrand erinnern Schilder daran, daß der Wald Besitz der Nation („… narodnoje dostojanije“) ist und mahnen, den Wald vor Feuer („Beregitje les ot ognja“) oder Brand („… ot poschara“) zu behüten oder insgesamt die Natur zu schützen („Beregitje prirody waschu match“). Das sollen auch die Piktogramme mit dem Hinweis auf Abfallkörbe bewirken. Sie finden leider nur selten Auge und Gehör.

Ein Riesenplakat wies auf die Chance zur Rettung („Schans na spassenije“) hin – anschnallen („pristegnis“). Hm, mein Fahrrad hat keinen Gurt, wo ist meine Chance?

Unglaublich oft werden Dienste wie „Schinomontasch“ (Rad-/Reifen-Service) angeboten. Konnten wir bisher alles selbst erledigen.

Ein Schild wie „P254“ erinnert daran, daß mensch auf der Rosavtodor (Росавтодор = „Rossiskaja avtomobilnaja doroga“), der Russischen Autostraße Nummer 254 entlang radelt. In sehr gleichmäßigen Abständen wird der Kilometerzähler um 1 erhöht, also z.B. auf „1234“.

Private und staatliche Dienste fertigen unter bestimmten Bedingungen Fotos Vorbeifahrender vom Straßenrand aus an. Die werden dann sogar per eMail zugeschickt! So bekam unser guter Bus-Geist Viktor einen Gebührenbescheid, weil er innerhalb Moskaus zu langsam (!!) gefahren war. Er hatte uns ein wenig vor dem nachflutenden Verkehr schützen wollen und andere kurz abgeblockt. …
Übrigens, von den Fotokästen gibt es welche mit und welche ohne Kamera darin. Die „mit ohne“ wirken trotzdem, denn den leeren Kasten bemerkt mensch eh nur vom Fahrrad aus.
Wir wurden übrigens auf den bisher über 4000 km durch Russland noch nie geblitzt!

„Polizia“, ein Krankenbett oder Besteck mit Entfernungsangabe besagen, daß in Sibirien Hilfe u.U. erst etwas weiter entfernt möglich ist.
Die Notrufnummer „112“ kann dann nützlicher sein.

Einige Schilder erklären sich selbst, die muß ich nicht übersetzen, oder?

Beschriftungen auf den Brummis mit russischen Kennzeichen sind auch sehr oft in deutsch.
Warum? Na, weil die Spediteure ihre alten Auflieger in großen Mengen nach Russland verhökert haben.
War da nicht mal was mit Sanktionen oder Embargo? Aber doch nicht für die Autowirtschaft! Warum auch überhaupt?

Beschriftete Kreuze aus Holz bitten darum, daß ein Herr Russland schützen und bewahren möge („Gospodi spassij i sochranij rossiju“).

Die Warnschilder vor der Kuh oder mit Kuh und Hirsch finde ich besonders interessant. Rehe haben wir schon beim Überqueren der Autobahn beobachtet, springende Kühe noch nicht.

Dann wären da noch die Preis-Säulen an den Tankstellen. Hallo ihr Autofahrer/innen in Europa! Von DEN Preisen könnt ihr nur träumen!
Rechenhilfe: Ein €uro wird hier durch ca. 75 Rubel ersetzt. DT steht für Diesel und ist etwa genauso teuer wie Benzin. Da seht ihr, wie schwach doch die russische Lobby im Vergleich zur deutschen ist. Viktor findet die Preise trotzdem viel zu hoch.

In den Orten fragen uns Plakate, ob wir Rentner seien („Wuij Pensioner“?) und bieten einen Kredit („Kredit odobren“) an.
Nicht nötig, am 1. Juli kriegen wir doch eine fette Rentenerhöhung. 🙂

Geständnis: Die zwei Schilder, die vor Schneelawinen vom Dach warnen, wurden in den Ruhetags-Städten Jelabuga und Tjumen aufgenommen.
Damals war dort noch Frühling.

Bis morgen in Novosibirsk.


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2 Kommentare:

  1. Lieber Peter, wie immer ein schöner Blogeintrag! Kurzer Einschub: Die Klarsichtkartenhülle wurde durchaus gesponsert, stieß bei euch am Anfang der Tour, als ich sie euch angeboten habe, aber nicht wirklich auf Gegenliebe. Wenn ihr wollt, schicken wir sie mit dem nächsten „Boten“ zu. Herzliche Grüße an alle, Volker

  2. Hallo Peter, Herzlichen Danke für die russische Übersetzung, dann sind die interessanten Schildaufschriften auch verständlich. Schon witzig, was auffällt, wenn man stundenlang vor sich hinrollt und auch was alles so aufgestellt wird …
    Weiterhin gute, unfallfreie Fahrt
    Imma

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