Aus Grün wird Gelb

125.-128. Reisetag, von Ulanbaataar durch die Steppe nach Süden bis Sainshand, 145 km/120 km/107 km

Am Freitag den 3. August, dem 125. Reisetag, brachen wir von Ulanbaataar auf und legten die ersten 30 Kilometer auf der uns unterdessen sehr vertrauten Betonpiste zurück. Diese ist Teil der horizontalen Hauptachse Ulanbaataars und schlängelt sich nach Westen hin mit reichlich Verkehr über flache Hügel. Kurz nach Nailaikh (der/die aufmerksame Leser/in erinnert sich vielleicht) bogen wir nach Süden ab. Spuren der Besiedelung rissen ab und wir ritten über saftige Hügel gen China. Mittags kehrten wir nicht ein, sondern genossen frisch zubereiteten Bratreis unter freiem Himmel. Nach dem Mittagessen trieb uns der Wind mit atemberaubender Geschwindigkeit die Straße entlang. Kamele und Pferde zierten ab und an die Steppe zu unseren Seiten. Mühelos schossen wir über unser Ziel hinaus und campierten erst nach 145 Kilometer unter freiem Himmel, rund 500 Meter von der Straße und einen Kilometer von einer Teilstrecke der Transsibirischen Eisenbahn entfernt, die in der Mongolei logischerweise als „Transmongolische Eisenbahn“ bezeichnet wird.

Am Samstag, dem 126. Reisetag, schälten wir uns auf unseren Zelten und schwangen uns nach dem Frühstück direkt in den Sattel. Wir fuhren mit (im Sinne von entlang) der Eisenbahn weiter nach Süden. Die Sonne brannte und wir vesperten im Schatten eines zwischen den zwei Fahrzeugen gespannten Sonnensegels, bevor wir nachmittags an einem ersten verwesenden Pferd vorbeikamen, welches sich olfaktorisch bei der Hitze von Weitem ankündigte. In den folgenden Stunden wie auch am folgenden Tag mehrten sich die Kadaver und die Landschaft verlor nach und nach ihr Grün. Wie ein Blick auf die topografische Landkarte der Mongolei nahelegt dominierten stattdessen zunehmend Gelb- und Brauntöne. Wir durchfuhren die Stadt Choir, die Hauptstadt der Provinz Govisümber, wo wir uns unweit der Statue, die an den ersten mongolischen Kosmonauten erinnert, mit den Vorzügen eines Supermarktes erfrischten, bevor wir erneut 35 Kilometer mehr zurücklegten und unser Lager aufschlugen. Die Nacht war mild und warm, aber ein flatternder Wind kündigte an, was uns am Folgetag erwarten sollte.

Im starken Wind bauten wir am Morgen des 127. Reisetags die Zelte ab und strampelten gegen einen starken Gegenwind an, der sich stets unserer Fahrtrichtung anzupassen schien. Es ging nur schleppend voran und wider Erwarten regnete es. Bis zur Mittagspause hatten wir folglich nur knapp über 40 Kilometer zurückgelegt, bevor wir in einem einfachen Motel in der Nähe einer Zement- und Kiesfabrik das Mittagessen zu uns nahmen. Am frühen Nachmittag radelten wir durch den Ort Airag und rätselten, in welchem Zusammenhang dieser mit dem bereits in diesem Blog beschriebene Getränk mit dem gleichen Namen steht. Als wir uns bereits fast mit der unterdurschnittlichen Tagesleistung abfinden wollten drehte der Wind und blies uns ohne größere Mühen 40 weitere Kilometer nach Süden. Leider konnten wir jedoch in der immer feuchteren Steppe keinen passenden Zeltplatz ausfindig machen und beschlossen stattdessen „vorzuspulen“: Mit dem Begleitfahrzeug steuerten wir direkt die Stadt Sainshand an, die wir eigentlich erst am Folgetag erreichen sollten. Ein Teil der Gruppe radelte noch etwas im Wind weiter nach Süden, bevor wir uns zu einem gemeinschaftlichen Bier im Hotelrestaurant sammelten.

Der heutige 128. Reisetag wurde damit für den Großteil der Gruppe zu einem ungeplanten Ruhetag. Lediglich zwei Teilnehmer radelten trotzdem erneut in die Stadt. In Sainshand, einem nicht einmal 30000 Einwohner fassenden Provinzhauptstädtchen, trockneten in der Sonne heute riesige Pfützen von den Regenfällen des Vortags. In der heißen Sonne besichtigten wir das Danzanravjaa-Museum, welches dem mongolischen Nationaldichter gleichen Namens aus dem 19. Jahrhundert gewidmet ist.

 

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