Cowboys und Sternchen

Tag 61, 154 km von Tschaikowski nach Tschernuschka, Rückenwind und sehr hügelig

März 1961. Nur wenige Wochen bevor der heldenhafte Juri Gagarin in den Kosmos geschickt wurde, gelangte Tschaikowski, damals noch eine kleine Ansiedlung am gerade errichteten Staudamm und Wasserkraftwerk, zu kurzem Ruhm. Der 5. Sputnik, eine Testrakete für den ersten bemannten Weltraumflug, landete zufällig an der Ausfallstraße gen Osten, eine Stelle die wir heute am frühen Morgen passierten. Die Kapsel war nicht unbemannt, sondern Ivan Ivanowitsch, eine detailgetreue Nachbildung Gagarins, und eine ebenso heldenhafte Promenadenmischung Namens „Sternchen“ waren an Bord und überstanden den Ausflug in den Kosmos unversehrt, wie uns der Freund eines Augenzeugen berichtete.

Feiner Regen und sibirische Kälte um die 4 Grad Celsius bestimmten den heutigen Tag durch hügelige Mischwaldgebiete –  der hellen Taiga. Doch der Wind ist uns hold. Starker Westwind treibt uns, trotz des anspruchsvollen Relief des Vorurals und den klimatischen Bedingungen relativ zügig voran.

Hochwertige Schwarzerdeböden, prägen die Region und es verwundert nicht dass diese intensiv landwirtschaftlich genutzt werden.  Auch Viehzucht ist allgegenwärtig, allerdings nicht mehr in staatlichen Kolchosen, sondern in Form von viele kleine Herden die am Wegesrand  grasen und dessen Hirten uns  noch lange nachwinken bis wir am Horizont verschwinden …

An langen Etappen wie heute lernen wir unseren allgegenwärtigen und verlässlichen Begleiter Viktor noch mehr zu schätzen. Mit seinem Fahrzeug steht er alle 25 bis 30 Kilometer am Wegesrand  und kann immer mit heißem Tee, Kaffee, Balsam und aufmunternden Worten aufwarten. Bolschoij spasibo!

Ruhetag und Schwanensee

Bilderbuch am 60. Reisetag vom Ruhetag in Tschaikowski

Tschaikowski (Чайковский) ist nicht nur der Name eines weltbekannten Komponisten. So heißt auch eine Stadt in der Region Perm in Russland in der etwa 83.000 Einwohner leben.
Wir sind gestern hier im Hotel Dilishans (Дилижанс) abgestiegen. Gleich daneben ist ein See, ohne Schwäne.
Die stets hilfsbereiten Frauen und Männer des Hausteams haben sich diesen Satz Mark Twains zum Motto gemacht:
„Каждый хотел бы, чтобы в отеле его обслуживали как дома, а дома – как в отеле“
Марк Твен
[Everyone would like to be served at the hotel as at home, and at home – as in the hotel. / Jeder möchte im Hotel wie zu Hause und zu Hause – wie im Hotel – bedient werden.]
Wir fühlen uns pudelwohl hier.


* — Slippers are for every guest, steht auch auf der Hotel-Website und wir schlappen alle amüsiert damit im Haus herum.

Am heutigen Ruhetag erkunden wir mit Evgenij als sach- und ortskundigen Begleiter die Stadt.
Er kennt aus seiner Dienstzeit als Offizier bei der Sowjetarmee in der DDR einige deutsche Städte und war zuletzt in Neustrelitz, einer Partnerstadt Tschaikowskis, stationiert. Seit 1993 wohnt er nun hier.
Er spricht ausgezeichnet deutsch und wir besuchen sehenswerte Orte der Stadt, angefangen im kleinen Stadtmuseum.
Als immer noch aktiver Marathonläufer hat er ein besonders großes Herz für den Sport und führt uns sogar bis auf die neue Sprungschanze im Sportzentrum Sneschinka (Снежинка = Schneeflocke) hinauf, die es nach zähem Ringen nun auch in den Kalender des Skisprung-Weltcups geschafft hat.

Die Stadt Tschaikowski gibt es erst seit 1955. Vorher gab es hier nur das Dorf Saigatka. Mit dem Bau des Wotkinsker Stausee und dann des Wasserkraftwerkes an der Kama wuchs auch eine neue Stadt. Damit die mit dem Bau beschäftigten Männer sich nicht einsam fühlen mußten, wurde bald eine große Textilfabrik gebaut, die Frauen als Arbeiterinnen in die Region „lockte“.

Der Name der Stadt geht natürlich auf Pjotr Iljitsch Tschaikowski (Пётр Ильи́ч Чайко́вский, 1840–1893) zurück, der ganz in der Nähe in der Stadt Wotkinsk (Во́ткинск; udmurtisch Вотка, Wotka) 😉 geboren wurde und dort bis zum 8. Lebensjahr wohnte.
Wotkinsk ist heute eine etwa ebenso große Stadt.
Ihr erinnert euch – Tschaikowski ist der Komponist der Oper Eugen Onegin sowie der unsterblich schönen Ballette Schwanensee, Dornröschen und Der Nussknacker.
Im Nachschlagewerk eurer Wahl findet ihr die lange Liste der Sinfonien und Orchesterwerke des Meisters.
Sein Denkmal steht an einem sehr schönen Platz mitten in der Stadt.

Darüberhinaus gibt es viele viele Kultur- und Bildungseinrichtungen sowie Sport- und Schwimmhallen für Jung und Alt.
In den letzten Jahren wurde viel renoviert und neu gebaut, u.a. Dank der großzügigen Unterstützung durch PAO Gazprom (Газпром), das weltweit größte Erdgasförderunternehmen.

Evgenij erzählt immer wieder begeistert von den vielen Begegnungen in Neustrelitz und Schwäbisch Hall, bei denen er schon viele Gruppen aus seiner Stadt begleitet hat und er freut sich schon auf die nächsten Reisen. Neben dem Sport spielen bei den Treffen Theaterarbeit und Musik eine sehr große Rolle.

Vor der Stadt am Beginn des Staudamms weist ein großes gebautes Zeichen daraufhin, daß hier der Bezirk Perm und die Stadt Tschaikowski beginnen. Nachdem man(n) dieses Zeichen passiert hat, ist auch die Uhr eine Stunde weitergerückt.

Bilderbuch auf:

Radfahren mit 4 Schichten

59. Tag, von Ischevsk nach Tschaikowsky 88 km

Der Tag in Ischevsk begann mit einem üppigen Radlerfrühstück. Durften wir uns doch schon beim Einchecken am Vorabend 3 Gerichte aus der Karte aussuchen, die dann zum Frühstück frisch bereitet und serviert wurden. Ergänzend dazu gab es noch diverse Sachen von Büffet.

Kein Vergleich zu unserem Sanatoriumsfrühstück vom Vortag, dass aus mehreren kleinen Fleischpflanzerl (Fleischklopse) mit lauwarmen Nudeln bestand, ergänzt um eine kleine Scheibe Käse pro Nase. Wir wollen nicht nur maulen, manche Kurgäste waren noch schlechter dran – Diät!

Diesmal gut genährt starteten wir in einen freundlichen Tag, verließen schnell die Stadt und fanden uns nach kurzer Zeit auf ruhigen Straßen wieder, die sanft die Hügel rauf und runter gingen. Mal war die Straße besser, mal wieder hat sie die üblichen Querrillen und Löcher, aber man ist bemüht, die gröbsten Löcher mit einem Haufen aus Asphalt und Steinen auszugleichen.

Kurz vor der Mittagspause verwandelte sich unsere Straße auf 8 km in eine Piste. Trotz allem hatten wir aber Glück, bei längerem trockenem Wetter hätten uns die Mitbenutzer der Strecke mit Staub überzogen, bei Regenwetter wären wir in Schlammlöchern steckengeblieben. So aber waren wir mit den Rädern teilweise schneller unterwegs als PKW.

Am Ende der Piste fand sich ein netter Platz für unser mittägliches Picknick. Während wir es uns schmecken ließen, zog Regen auf und es wurde sehr frisch. Das Thermometer zeigte bei der Weiterfahrt nur noch 8° C.  Zur Weiterfahrt zogen wir dann alle verfügbaren Schichten übereinander (bei mir 4) und die Regenvollverkleidung an. Trotz allem waren die letzten 25 km bis in unser Etappenziel Tschaikowsky nicht Genussradfahren, da wir uns wenig später auf einer Hauptstraße mit dichtem Verkehr wiederfanden und jeder überholende LKW uns mit einer ordentlichen Menge Dreckwasser duschte.

Kurz von Tschaikowsky überquerten wir auf einem weiteren Staudamm erneut die Kama – der Fluss dem wir schon seit ein paar Tagen aufwärts folgen – wurden von einem Schiffsfriedhof empfangen und wechselten damit innerhalb von 2 Tagen ein weiteres Mal die Zeitzone. Nun sind wir 3 Stunden voraus.


Durch die Udmurtische Republik

Tag 59, 110 km vom Warzi Jaschi nach Ischewsk, Wind, Regen und Hagel.

92 Regionen, Republiken, Bezirke oder autonome Kreise gibt es in Russland. aber wer hat schon von der Republik Udmurtien gehört? Zählt sie doch zu einer der kleineren Provinzen, im westlichen Uralvorland und wir dürfen sie heute durchqueren. Sanft gewellte Taiga dominiert das Landschaftsbild und nur selten zerreißen gewaltige Industrieanlagen die Idylle.

Wehmütig verlassen wir am Morgen das älteste Sanatorium Russlands, Warsi-Jatschi, denn gewaltige Gewitterwolken und Gegenwind erwarten uns bereits am Horizont. Hinzu gesellen sich der ein oder andere Anstieg und Hagelstürme sodass wir uns jeden Kilometer gen Ischevsk hart erkämpfen müssen.

Die udmurtische Hauptstadt Ischevsk -unser Tagesziel- ist eine gewaltige Industriestadt mit Plattenbauten aus allen sowjetischen Epochen, aber vor allem geprägt durch die Auto- und Waffenproduktion. Die legendären Isch Mopeds, der ganze Stolz der Jungs im ländlichen Bereich, werden hier gefertigt in einem Werk, das nach dem Zweiten Weltkrieg in Zschopau demontiert wurde, und selbst der berühmteste aller Waffenerfinder, Herr Kalaschnikow, hatte hier gearbeitet und nannte diese Stadt bis zu seinem Tode sein Zuhause.

Es raucht, zischt, staubt und stinkt an jeder Ecke. Industrieromantik lädt nicht länger als nötig zum Verweilen ein …


Dein unsichtbarer Freund

Tag 58, 85 km, von Jelabuga nach Warzi-Jatschi

Gestern Feind, heute geliebter Freund. Orkanartiger Westwind bläst uns entlang der oberen Kama und durch weite Landschaften der Sachapulkaja Hochebene gen Osten mit Geschwindigkeiten über 50 km/h. Was für ein Tag, welch Hochgenuss! H U R R A !


1000 … 2000 … 3000 … 4000

Kleine statistische Anmerkung am Ruhetag.

Das erste große Kilometerjubiläum hatten wir ja noch gaanz groß „gefeiert“.
Sogar mit kleinem Video auf Facebook.
Siehe Blogeintrag „Back to the USSR“ von Volker (April 13, 2018 Allgemeines, Baltikum, Polen) zum Kilometer 1000.

Dann sind wir halt immer weiter weitergeradelt.
Mittendrin kränkelte mal das eine und das andere mitradelnde Navi und so hat mittlerweile jede(r) eigene Zahlen und Werte.

Meine Aufzeichnungen (im wesentlichen Track-Aufzeichnungen des „Mini GPS“) sagen z.B. folgendes:

Schon am 28. April von Tartu nach Räpina hatte ich Kilometer 2000 progostiziert, aber er lag dann wohl eher erst auf der Strecke von Räpina nach Staraja Isborsk vor der Grenze zur Russischen Föderation.

Kilometer 3000 folgte entweder schon während unserer „Einfahrt“ nach Moskau am 10. Mai oder spätestens am 13. Mai, am Radeltag nach den Ruhetagen zwischen Moskau und Orechowo-Zujewo.

Gestern nun passierten wir irgendwo auf dem Weg nach Jelabuga den Reisekilometer 4000.

Als wir in einer Radelpause darüber sprachen, stellten sich weitere „Jubiläen“ heraus: Viktors 3000ster seit er uns mit dem Bus begleitet und Gerhards 1000ster, seit er sich in Moskau zu uns gesellte – сердечно поздравляю. 🙂

Na also, sie rollt, die „Weltreise“. Und wir haben noch lange nicht fertig! 😉

OK, höre ich jetzt die eine oder den anderen sagen, Du warst ja schon 4 x im Bus und hast dort bisher insgesamt 194 km abgesessen.
Na und? Ich fühle dabei keine Schwäche, wenn ich feststelle, daß es an einem Tag mal nicht optimal rollt, ich mich bei fiesestem Gegenwind nicht „sauer“ radeln will, keinen Bock habe nach 128 km auch noch die letzten 40 km auf dem schmalen Randstreifen (wenn nur immer einer da wäre) der brüllenden, stinkenden und stets risikovollen M-7 zu Ende zu radeln oder dem Reiseleiter bzw. auch den anderen nicht den ohnehin kurzen Abend vermiesen will, indem ich erst bei Dunkelheit auf den Hof strample.
Ich will im März 2019 mit dem Radel in Bali ankommen. Das Ziel ist mir wichtiger, als „ausgelassene“ Radelkilometer.

Da wir grad beim Thema Statistik sind. Meine Zählung sagt, wir sind aktuell beim 4135. Kilometer, also
194÷4135 = 4,6916566 %, richtig? Pffff …
[Wenn man(n) nur Copy+Paste macht, ist halt meist noch nicht alles richtig. Ich hab‘ das Komma jetzt hoffentlich korrekt gesetzt. Danke allen Matheolympiadeteilnehmerinnen für’s kritische Lesen und helfende Hinweise 😉 ]

Ach, noch etwas am Rande. Am dünnsten bestückt scheint mir immer noch der Kommentar-Bereich hier im Blog.
Hey – wir wissen doch, daß ihr sehr viele seid, die „weltweit“ auf jeden neuen Eintrag warten.
[Hallo CBB-Admins! Bitte fügt doch mal ein paar Zahlen aus der Zugriffs-Statistik dazu]

Also, bitte laßt uns wissen, was euch gefällt und was nicht und worüber ihr noch mehr wissen wollt und so, OK?

Radelgrüße von allen an alle
Peter

Einfach mal nur schlendern …

Ansichtskartenwetter und kühler Nordwind – Bilderbuch am Ruhetag in Alabuğa (56. Reisetag)

Nach der sehr langen Etappe gestern (Hut ab vor den 3 „Durchradlern“!) ist ein Tag zum Ausruhen und Schlendern richtig gut.

Spät, ausgiebig und in aller Ruhe frühstücken und dann los in den sonnigen Vormittag. Das Mini-Büro der Touristinfo hat einen Stadtplan mit vielen Hinweisen auf sehenswürdiges für uns. Wir bummeln also von einer Nummer zur anderen, erleichtern zwischendurch in der Postfiliale einen ATM (Gruß an Astrid: Von „Diebold-Nixdorf“!) um mehrere 5-stellige Rubel-Beträge und haben uns dann am Ende doch 4 h und 7 km lang die Füße vertreten.

Die kleine Stadt Jelabuga (Елабуга, Alabuğa/Алабуга) hier im Norden Tatarstans liegt am rechten Ufer des Flusses Kama. Sie hat rund 71.000 Einwohner (ca 60 % Russen, 35 % Tataren und 2 % Tschuwaschen).

An vielen Häusern lesen wir Gedenktafeln, die an Menschen erinnern, die hier geboren wurden, lebten, arbeiteten oder starben.

Unser Hotel ist z.B. benannt nach Iwan Iwanowitsch Schischkin (Иван Иванович Шишкин), der hier aufwuchs und später ein berühmter Aquarellmaler wurde. Natürlich gibt es auch ein Denkmal und ein Museum zu seinen Ehren.

Ein Denkmal, das Wohnhaus und ein Museum gibt es auch für die russische Lyrikerin Marina Zwetajewa, die 1941 hier zusammen mit ihrem Sohn die letzten Tage ihres Lebens verbrachte.

Vor „seinem“ Museum im Schatten der Bäume sitzt, in einem Buch lesend, der Neurologe und Psychiater Dr. Wladimir Michailowitsch Bechterew (Владимир Михайлович Бехтерев, 1857-1927), der Entdecker der “ Bechterew´schen Krankheit“ (Morbus Bechterew).

Hoch zu Roß sitzt die Kavalleristin Nadežda Andrejevna Durova (Наде́жда Андре́евна Ду́рова). Sie war die „Tochter eines russischen Offiziers und wuchs wie ein Junge auf. Als Mann verkleidet trat sie 1806 unter dem Namen Alexander Durow in die russische Armee ein und nahm ein Jahr später an der Schlacht bei Friedland teil. Als ihr Vater Nachforschungen über ihren Verbleib anstellte, wurde ihre Identität entdeckt. Der russische Zar Alexander I. bot ihr daraufhin persönlich eine ehrenvolle Entlassung an; sie entschied sich allerdings für die Armee und erhielt vom Zaren ein Offizierspatent.“, schreibt Wikipedia. Das Denkmal steht vor dem Friedhof, auf dem ihr Grab ist.

Weiter entfernt auf einer Anhöhe steht der Turm der Teufelsburg aus der Zeit der Wolgabulgaren, den Ursprüngen des Ortes im 11. Jahrhundert.

Viel Grün, schmucke Straßen und Gäßchen. Uns hat der Bummel viel Spaß gemacht, die Radelwaden entspannt und den Kopf im Wind frisch durchgepustet.

Bilderbuch auf:

Hallo Fans der erstklassigen Aquarellmalerei.
Der Blog-Admin hatte wegen Sorgen um evtl. Urheberrechtsverletzung die zwei Aquarelle von Schischkin aus der Galerie gelöscht.

Ihr findet sie und noch mehr unter https://de.wikipedia.org/wiki/Iwan_Iwanowitsch_Schischkin
–> Werke von Schischkin

Darunter auch

Morgen im Kiefernwald
https://de.wikipedia.org/wiki/Datei:Utro_v_sosnovom_lesu.jpg

Ein Roggenfeld
https://de.wikipedia.org/wiki/Datei:Ivan_Shishkin_-_%D0%A0%D0%BE%D0%B6%D1%8C_-_Google_Art_Project.jpg

Da steht jeweils
„Dieses Werk ist gemeinfrei, weil seine urheberrechtliche Schutzfrist abgelaufen ist.
Dies gilt für das Herkunftsland des Werks und alle weiteren Staaten mit einer gesetzlichen Schutzfrist von 100 oder weniger Jahren nach dem Tod des Urhebers.“
[pf, 29.05.2018]

Gegen den Wind …

Tag 56, 167km, Tschistopol nach Jelabuga, starker Gegenwind und viel Verkehr

Starker Gegenwind, gelegentlich feiner Nieselregen, dichter Verkehr durch ausgedehnte Industriegebiete und Erdölraffinerien, aggressive Autofahrer und eingestellte Fährverbindungen forderten heute alles von den Radreisenden ab.  Den morgigen Ruhetag im malerisch verträumten Jelabuga haben sich alle, mehr als redlich, verdient.


Kujbischesk Stausee

Tag 55, 86 km von Laischewo nach Tschistopol, entlang des Kujbischesk Stausee

Laischewo liegt an einem künstlichen Binnenmeer, dem Kujbischesk Stausee, dessen Uferlinie heute unsere Reiseroute vorgab.  Gespeist von Wolga, Kama, Svijaga, Kasanka, Cheremshan und Usa ist hier zwischen den Jahren 1955 bis 1957 der größte Stausee in Eurasien entstanden. Sechstausendvierhundertfünfzig Quadratkilometer. Über 2600 Kilometer Küstenlinie, von denen wir heute auf den Weg nach Tschistopol einige wenige in Augenschein nehmen konnten.

Die ökologischen Folgen des Stauseeprojektes sind in ihrer Gesamtheit nicht abzuschätzen. Doch die enorme Verdunstung führte in den letzten Jahrzehnten zu massiven klimatischen Veränderungen, berichten die Einheimischen.

Mussten noch vor wenigen Jahren lange Fährüberfahrten oder weite Umwege in Kauf genommen werden, beschleunigt die neue, fast vier Kilometer lange Brücke über den Stausee bei Alekseevkoe die heutige Etappe. Schon am frühen Nachmittag erreichen wir unser Tagesziel, die ansehnliche Kleinstadt Tschistopol, die während des zweiten Weltkriegs für zahlreiche Schriftsteller, wie z.B. Boris Pasternak,  zum Zufluchtsort wurde und uns heute zu einem kurzen literarischen Streifzug durch die jüngste russische Geschichte einlädt.


Tagesablauf einer Langstreckenradtour

Kasan nach Laischewo 68 km, Wetter: am Vormittag sonnig, Nachmittag bedeckt, wenige Tropfen von oben

Der Radweg heute war kurz, die Ausfahrt aus Kasan – einer durchaus liebenswerten Stadt – zog sich wie immer in Russland über mehr als 10 km hin, aber bald ging die Schnellstraße in eine gemütliche Landstraße ohne viel LKW-Verkehr über.

So erreichten wir schon vor 13 Uhr unser Tagesziel Laischewo, ein (noch) ruhiger Ort am  Zusammenfluß von Kama und Wolga. Beide sind hier aufgestaut und bilden einen riesengroßen Stausee ohne Namen, man wähnt sich an einem Binnenmeer. Nur mit Mühe ist das gegenüberliegende Ufer zu erkennen. Der Stausee hat dem Ort einen wunderbaren Sandstrand beschert und auch eine Uferpromende mit Kinderspiel- und Fitnessgeräten gibt es. Die Häuser dahinter sind als Ferienhäuser erkennbar. Sicherlich tobt hier in den Sommerferien das Leben, jetzt allerdings ist es noch ruhig.

In dieser Ruhe hielten wir unser mittägliches Picknick ab, Gerhard ging ein paar Minuten schwimmen (Wassertemperatur geschätzt 18°), danach nutzen wir die bereitgestellten Bänke für einen gemeinsamen Mittagschlaf. Nach der Ankunft in unserer einfachen Unterkunft – kein Internet – wurden noch die Fahrräder überprüft, alle in Ordnung.

Tagesablauf auf einer Langstreckentour
Aufstehen, Frühstücken und Abfahrt richtet sich immer nach der Streckenlänge, nach 25 – 30 km wartet dann Viktor mit seinem Transporter an einer günstigen Stelle auf uns, dort gibt es Bananen, Äpfel, Birnen und Getränkenachschub. In ähnlichen Abständen steht dann immer wieder das Fahrzeug am Straßenrand oder einer entscheidenden Abzweigung, da sich das Radlerfeld aufgrund der unterschiedlichen Geschwindigkeiten doch teilweise sehr weit auseinander zieht und keiner verloren gehen soll. Meist gibt es gegen 13 Uhr unseren Mittagspicknick an einer schönen und geeigneten Stelle, wobei es mit der schönen Stelle nicht immer klappt.

Auch am Nachmittag gibt es weiterhin die Nachschubpausen bis am Ende das Tagesziel erreicht ist. So hat jeder in der Gruppe die Möglichkeit nach seiner individuellen Geschwindigkeit zu radlen und auch die Entscheidungsfreiheit, sich entsprechend seiner Tagesform und -laune ins Fahrzeug zu setzen.

Nach Ankunft wird geduscht, anschließend wird schon eine Möglichkeit für das Abendessen gesucht. Auf dem Lande ist es ganz einfach, es gibt meist nur eine Lokal dafür. In den Städten hat man die Qual der Wahl. Danach wird die von jedem mitgeschleppte Elektronik für Mails und Blogs aktiviert, werden gemachte Fotos gesichtet, Berichte an die Heimat oder Reisetagebuch geschrieben.

Für alles weitere bleibt gerade an langen Tagesstrecken keine Zeit und auch nicht unbedingt die nötige Laune um die im Programm aufgeführten Besonderheiten zu entdecken und zu würdigen. Dies findet dann an den Orten mit Ruhetag oder kurzen Radtagen statt.

Wir sind immer noch in Moskauer Zeitzone, d.h. 1 h vor unserer Sommerzeit in Deutschland. Somit geht 1.000 km östlich von Moskau nun die Sonne gegen 3 Uhr morgens auf, dafür schon kurz nach 20 Uhr unter, da ist für die einheimische Bevölkerung nichts drin mit lauen Sommerabenden.

Dafür ist die Flora gut 4 Wochen später als in Südbayern. Hier in Tartastan stehen gerade die Apfelbäume, der Löwenzahn und der Flieder in voller Pracht, die Maiglöckchen brauchen noch ein paar Tage und die Pfingstrosen bilden gerade erst die Knospen aus. Auf den Feldern keimt das Sommergetreide und der Mais wird gesät. In den Privatgärten werden die Kartoffeln gesetzt.