Über den Wolken

45 km nach Hongtudi.

Ich sitze vor dem riesigen Panoramafenster meines Zimmers mit Blick auf die berühmten Terrassenfelder „rote Erde“ und sehe exakt nichts. Dicker Nebel wabert vorüber und hüllt alles in einen milchigen Schleier. Der Strom ist bereits zum zweiten Mal an diesem Tage ausgefallen. Der Generator schafft es nicht die Bedürfnisse so vieler frierender Ausländer zu erfüllen. Ergo – die Heizdecken bleiben kalt. Einzige Wärmequelle ist das in einer riesigen gusseisernen Kanne auf einem irdenen Kohleöfchen bereitete heiße Wasser. Wir umklammern also unseren Tee, blasen Rauchwölkchen darüber. Was für ein Unterschied zu unserem tendenziell überheizten Zimmer in Dongchuan.

Bereits der Blick aus dem Fenster heute Morgen verhieß nichts gutes. Regennasse Straßen. Kaum haben wir uns an trockenes Wetter und ein klein bisschen Wärme gewöhnt, sind die Regenwolken wieder da mit ihrer durchaus demoralisierenden Wirkung auf die Truppe. Zehn von uns entschließen sich mit dem Auto unser heutiges Etappenziel zu erreichen.

Reinold, Helmut und Gerhard lassen sich aber nicht abschrecken und schwingen sich auf die Räder, ist doch für heute eine landschaftlich phänomenale Landschaft angekündigt. Ziemlich holprig geht es für uns los über schlechte, schlammige Straßen durch Chinas Hinterhöfe den Berg hinauf. Nach ein paar Kilometern treffen wir an einem Abzweig auf Xiao Luo und Xiao Luo sowie Christine, Maria und Jan, die sich noch ein wenig den Berg hoch fahren lassen, dann leisten sie uns Gesellschaft.

Zu siebt also ziehen wir uns in weiten Serpentinen den Pass hinauf. Die Straße breit und kaum befahren, der Ausblick traumhaft, wenn man denn etwas sähe. Doch mit jedem Meter, den wir uns nach oben kämpfen, scheint es etwas besser zu werden. Schon brechen wir durch die unterste Wolkenschicht und bemerken plötzlich, dass wir auf eine Berggrad entlang radeln unter und neben uns die Gipfel der benachbarten Berge. Wolkenfäden ziehen vorüber. Alles ist friedlich und still. Auch der Regen hat sich nach und nach aufgelöst. Der Nebel, der uns die schönsten Ausblicke verwehrt, hat etwas durchaus mystisches und wir beginnen die Fahrt zu genießen bis, ja bis etwa 5 km vor dem Ziel eine leichter Niesel verbunden mit einem ekelhaften Gegenwind einsetzt, der unaufhörlich stärker wird und sich zu einem amtlichen Schauer entwickelt. Durchweicht und frierend erreichen wir nach vier Stunden unsere Herberge. Im Eingang brennt ein heimeliges Feuerchen und vor der Tür werden Kartoffeln geröstet. Nun hoffen wir auf Elektrizität….


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